Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 29
(PDF, 164 MB)
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Tizian als Porträtmaler.

VON den Aufgaben, deren Lösung den grossen
Malern der Renaissance gelang, steht das Porträt
der Zeitfolge nach an letzter Stelle. Wenn auch
frühzeitig der eine und andere Künstler sich hierin
versucht haben mag — wie denn schon von Giotto
dergleichen traditionell überliefert wird —, so haben
doch erst die Meister des späteren Quattrocento das
Einzelbildnis ausgestaltet, nachdem das Porträt sich
in Kompositionen längst eine Stätte erobert hatte.

Das Einzelbildnis stellte an das Können in der
Hauptsache wesentlich neue
Anforderungen. An Treue
der Beobachtung und rückhaltlose
Niederschrift der
grossen und kleinen, die
bildliche Erscheinung des
Kopfes bestimmenden Züge
war der Künstler schon
gewöhnt; indem er aber
verzichten musste auf die
vielfältigen Wechselbeziehungen
zu einer heiligen
Hauptgruppe oder zu anderen
Dargestellten, sah er
sich genötigt, das Individuum
allein, aus sich heraus
, zu erfassen und mit

einer höchsten Lebhaftigkeit
auszustatten, damit das
Wesen, die Art, der Charakter
zur Anschauung kämen
. Das Verhältnis des
einzelnen Kopfes zur Bildtafel
, das Problem, wie der
Grund zu behandeln sei,
und wie das einfallende Licht anzunehmen, werden
zuerst manche verunglückte Lösung gezeitigt haben.

In Venedig eroberte sich das Porträt schneller
als im übrigen Italien einen hervorragenden Platz.
Gerade hier wird die Bedeutung des Antonello da
Messina nicht hoch genug anzuschlagen sein: solch'
treue Schilderung individueller Züge, verblüffend auch
durch eine staunenswerte Technik, musste den
grössten Erfolg in einer Stadt erringen, in der alte
Familientraditionen dem Wachstum gerade dieses
Kunstzweiges besonders förderlich waren. Während
des ausgehenden Quattrocento bleibt die künstlerische
Darstellung auf den Kopf beschränkt: die Bildfläche
schneidet etwas unter der Schultern ab; die Hände
werden fast niemals — mit der vielleicht einzigen

Ausnahme eines Bildnisses von der Hand des Gen-
tile Bellini (London, National Gallery) — mit hineinbezogen
. Diese Erweiterung der Darstellung hat
wohl erst der junge Künstler herbeigeführt, auf
dessen Namen fast alle grossen Errungenschaften am
Eingang des neuen Jahrhunderts sich vereinigen,
Giorgione: während aber auf dem frühen Jünglingsporträt
(Berlin) nur erst die Fingerspitzen der rechten
Hand im Vordergrund sichtbar werden — gleichsam
ein schüchterner Versuch —, sind auf späteren Bildnissen
(Uffizien, Budapest)
die Hände bereits notwendige
Faktoren, um einen
seelischen Kontakt zwischen
dem Dargestellten
und dem Beschauer vermitteln
zu helfen. Was
aber will diese Aeusser-
lichkeit besagen gegenüber
der geistigen Vertiefung,
die zuerst diesem Jüngling
gelang! Von ruhig-sachlicher
Wiedergabe des mit
dem Gesichtssinn äusser-
lich Fassbaren schritt er
vor zur psychologischen
Durchdringung des Menschen
, zu der teilweisen
Enthüllung des Innern und
der Empfindungen.

Tizian ist über Giorgione
hinausgegangen. Immer
fortschreitend in seiner
Entwicklung hat er
mit dem Glanz, den seine
unbestrittene Stellung als der grösste Kolorist Italiens
auf seinen Namen wirft, den Ruhm des bedeutendsten
Porträtmalers seines Vaterlandes vereinigt. Seine
eminente Begabung als Bildnismaler hat ohne Zweifel
seine unvergleichliche europäische Stellung in erster
Linie begründet.

Wen Tizian in Jugendtagen gemalt hat, davon
wissen wir kaum etwas. Die wenigen erhaltenen Bildnisse
dieser Zeit tragen mit Unrecht berühmte Namen
(Ariost, Alessandro de Medici) und bergen sich in einer
Anonymität, die man nicht genug bedauern kann.
Einen Fingerzeig gewährt die von Vasari mitgeteilte
Angabe, dass er als ganz junger Mensch einen Edelmann
aus dem Hause Barbarigo (also aus vornehmster
venezianischer Familie) gemalt hat; ein

29 -

Tizian, Selbstbildnis.
Berlin, Kgl. Gemäldegalerie


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