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er sieht stets als Maler und nur als Maler. Mit
wunderbarer Sicherheit erfasst er das Wesentliche
der farbigen Erscheinung, während er der Zeichnung
die gleiche Sorgfalt nicht zuwendet. Was er aus-
lässt und was er hervorhebt, wie er die Natur hier
vereinfacht und dort ihre feinsten Nuancen klar,
fast übertreibend betont, bildet den stets erneuten
Reiz seiner Darstellung. Was er malt, hat die ganze
Frische und Unmittelbarkeit der Studie und entbehrt
doch nicht der geschlossenen bildmässigen Wirkung.
Scheinbar zwanglos gestaltet sich ihm die Naturstudie
zum Bild. Immer geht er von der realen
Erscheinung aus, die unter seinem auf das Entscheidende
gerichteten Blick, seiner koloristischen
Sensibilität und dem Geschmack für Anordnung zum
künstlerischen Ereignis wird. Auch hierin seinem
grossen Vorbild Velazquez geistesverwandt. Nur
eine Folge hiervon ist, dass seine Malweise sich von
jeder Manier, von allem Virtuosenhaften fernhält.
Er befolgt nie ein noch so künstlerisch raffiniertes
Rezept. Jedem Vorwurf tritt er ohne Voreingenommenheit
gegenüber, in jedem Bilde kämpft er
den Kampf um die künstlerische Bewältigung der
Natur von neuem ehrlich durch. Die Mühen dieses
Kampfes sind nicht immer verwischt, aber vielleicht
liegt gerade darin mit ein Grund für das aufregend
Fesselnde Manetscher Bilder.
Dabei kennt er rein technische Schwierigkeiten
fast gar nicht. Sein Vortrag ist von einer bewundernswerten
Freiheit und Schönheit. Aber diese
Sehönheit des Vortrages ist nie beabsichtigt, sie geht
nie auf Kosten der Wahrheit der Darstellung. Sie
ergiebt sich ungewollt aus der wunderbaren Bestimmtheit
, mit der feinste Tonunterschiede beobachtet
sind und der Sicherheit, mit der die Hand
seinen Intentionen folgt. So wenig er seinem Vortrag
zu Liebe Konzessionen macht, so wenig braucht
er seiner Intentionen halber die Farbe zu quälen.
Immer scheint er auf den ersten Anhieb das Richtige
getroffen zu haben. Leicht und sicher fliesst ihm die
Farbe aus dem Pinsel; sie bleibt klar in dem Schatten,
von strahlender Helligkeit im Licht. Eine souveräne
Maltechnik, wie wir sie bei Frans Hals anstaunen.
Die Unbeirrtheit von jeglichem Rezept, die
Freiheit und Selbständigkeit, mit der er vor die Natur
tritt, spricht sich deutlich in dem Stoffgebiet aus,
das Manet beherrscht. Er malt alles. Nie war ein
Maler weniger Spezialist als er. Er malt spanische
Stierkämpfe und spanische Tänzerinnen, wetterharte
Fischer, die durch die Wogen steuern, und elegante
Sportsleute im Segelboot, er malt Hafenansichten
und Strassenbilder, das schmucklose Haus seiner
Sommerfrische und die Blumenwildnis seines Gartens,
Menschen, die im Freien sitzen oder im Halbdunkel
seines Ateliers, Stillleben aus Früchten, Blumen,
Fischen oder Wild, er malt Nana bei ihrer Toilette,
den Bar in den Folies Bergeres und die Hinrichtung
des Kaisers Max, er malt Porträts bekannter
Männer und hübscher Frauen, ja er hat wirklich
hübsche Frauen gemalt in eleganten Kostümen mit
dem prickelnden Reiz des Pariser Chic. Sein Naturalismus
wuchs auf der Sonnenseite des Lebens. Er
vermeidet ebenso das graue Elend, wie das graue
Licht des bedeckten Himmels. Mehr noch als die
stille Harmonie gedämpfter Töne reizt ihn der
lebendige Kontrast im Sonnenlicht flimmernder
Farben und kühler Schatten. Dabei ist ihm eine
Tendenz irgendweich litterarischen Inhalts durchaus
fremd. Die Welt der Erscheinung frisch und stark
wiederzugeben ist seine Grösse. Wer für sein Gemüt
Anregung sucht, wer poetische Inspiration verlangt,
wird bei Manet leer ausgehen. Aber für ein malerisch
veranlagtes Auge bilden seine Gemälde einen immer
neuen Quell reinen künstlerischen Genusses. Wie
sie aus der Freude an der Erscheinung hervorgegangen
sind, wollen sie auch nur durch ihre Erscheinung
Freude machen.
Manet starb fünfzigjährig, in einem Alter, in
dem ringende Künstlernaturen erst ihre volle schöpferische
Freiheit zu erlangen beginnen. Sicher hatte
auch er sein letztes Wort noch nicht gesagt. Wie
alle Maler, die in ihren Werken die grosse dekorative
Wirkung anstreben, ersehnte auch er statt
der metergrossen Leinwanden Wandflächen für
seinen Pinsel. Ein Gesuch, ihm einen Saal im
neuerbauten Pariser Rathaus zur Ausmalung zu
übergeben, wurde erst ausweichend und schliesslich
gar nicht mehr beantwortet. Was er wollte, war
im Haus von Paris das Leben von Paris zu schildern
, so wie es sich vor seinen Augen abspielte.
Er spottet über die Malerei antidiluvianischer
Historien, deren Gott Cuvier ist. Historienmalerei,
wie er sie versteht, ist Darstellung erlebten Lebens.
Nur was man selbst geschaut, vermag man mit der
Kraft wiederzugeben, die auch dem Beschauer die
Ueberzeugung der Wahrheit aufdrängt. Bis in die
über seinen Tod hinaus reichenden Pläne ist das
Programm seiner Jugend lebendig, zu malen was er
sieht und nicht was anderen zu sehen beliebt. Diese
wunderbare Konsequenz im Verfolgen des einmal
als richtig Erkannten giebt seiner Erscheinung und
seinem Schaffen etwas Zwingendes. Was unter dem
unmittelbaren Eindruck dieser Erscheinung seine
Freunde ihm ins Grab nachriefen, können wir heute,
wo wir den nachhaltigen Eindruck seines Wirkens
und die historische Bedeutung seiner Persönlichkeit
erkennen, mit grösserem Recht wiederholen: Manet
et manebit — er bleibt und wird bleiben.
Hugo von Tschudi.
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