Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 38
(PDF, 164 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0368
Sebastiano del Piombo. Der Kardinal Carondelet.
Sammlung des Duke of Grafton. Auf Holz.

Gestalten und im weichen Spiel von Licht und
Schatten eine Folge glühender Harmonien. Mit den
grössten, mit Tizian, Palma und dem alten Bellini
selbst that auch Sebastiano den Schritt in die neue Zeit.

Die Befangenheit seiner ersten Werke ist geschwunden
und vergessen in der vollendeten Fülle und
Macht des Altarbildes von S. Giovanni Crisostomo
(Tf. 74. 75) mit seinen stolzen Greisen und Jünglingsgestalten
und der strahlenden Gruppe heiliger Frauen.
So siegreich und selbstverständlich wie hier ist Schönheit
ohne Geist wohl nie aufgetreten, auch in Venedig
kaum. Die Kunst der genussfrohen Lagunenstadt
diente immer dem sinnlichen Behagen und hatte

am äusseren Schein ihr Genügen, aber den freilich
gestalteten ihre Meister zu einer Vollkommenheit aus,
dass hier das Schöne „von selber heilig" wurde. Keine
Idealgestalten, sondern ganz individuell schöne Typen
fügt Sebastiano zusammen, verschieden von einander
und sich doch wieder berührend in einer gemeinsamen
Empfindung, wäre es auch nur dem Bewusstsein
ihrer äusseren Vollkommenheit, immerhin eine echte
Harmonie, die nicht die tiefgestimmte Farbe brauchte,
um musikalisch zu berühren. Das bringt Sebastiano
dem Giorgione, mit dem ihn auch die Liebe zur
Musik verband, so nahe. Dieses frühe, aus seinem
innersten Wesen kommende Werk konnte lange
Zeit unerkannt den Namen des Meisters von Castel-
franco tragen.

Vielleicht wäre er berufen gewesen, der heimischen
Kunst den frühen Verlust Giorgiones zu
ersetzen und mit Tizian und Palma Führer der
Schule zu werden; aber gerade damals hat er seine
Vaterstadt mit dem ihm fremden Boden Roms vertauscht
. Es ist seltsam, den Venezianer neben Michelangelo
und RafFael zu sehen; ihre Bahnen berühren
sich so oft, dass man unaufhörlich zum Vergleich
gedrängt wird, der ihm nicht günstig sein kann.
Echt venezianisch ist seine Kunst: Durchkosten der
Schönheit, soweit sie im Leben zu fassen ist. Aber
im Vatikan wuchsen damals, an Decken und Wänden
Formen über die Natur hinaus: in der sixtinischen
Kapelle gigantisch gesteigert und in den Stanzen zu
idealer Vollkommenheit. „Um eine Schöne zu malen,
schrieb RafFael an seinen Freund Castiglione, müsste
ich deren mehrere sehen; da nun aber immer Mangel
an richtigem Urteil wie an schönen Frauen ist,
bediene ich mich einer gewissen Idee, die in
meinem Geist entsteht."

Und während so in Raffaels Parnass selbst die
heitere antike Welt in ernsten plastischgrossen Gestalten
auftrat, mussten die üppig-schönen, weichen
Gestalten, die Sebastiano gleichzeitig in der Farnesina

Sebastiano del Piombo.
Fieta (Ausschnitt). Viterbo, Museum.

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