Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 40
(PDF, 164 MB)
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liebend und betend begegnen, scheint sich ein schlummerndes
Leben zu regen.

Und diesLeben soll erwachen: eine knieende Lichtgestalt
— sie erscheint in dem Schlussstück unseres
Textes deutlicher, als in dem Dämmerlicht der Nische
auf Tafel 75 — hebt leicht mit ausgereckten Armen
die schwere Steinplatte, die das Grab deckte, und
blickt mit unendlicher Güte und Milde auf das schlummernde
Paar und ihr Kind. Der Künstler schreibt
die Zeilen hinzu: „Das Volk, das in Finsternis sass,
hat ein grosses Licht gesehen, und die da sassen am
Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht
aufgegangen1'. Es ist ein Wort des Jesaias (9, 1),
das im Matthäusevangelium wiederholt wird (4, 16).
Jene Gestalt aber bildet er flügellos — nur der Flug
des Gewandes mutet an wie Flügelwehen —• und in
weiblichen Formen, wie geflissentlich dem überlieferten
Typus aus dem Wege gehend, der hier einen
Engel verlangt hätte.

Nur was aus jeder Menschenseele vor der
grossen Thatsache des Todes immer wieder von
neuem als Ahnung, Hoffnung, Glaube emporwächst
, das soll hier aufrichtigen und tiefen Ausdruck
finden.

Dasselbe ehrlich-selbständige Ringen im rein
Künstlerischen. Unzweifelhaft wirkt auch hier das
Erbe der Vergangenheit überall herein: die ägyptische
Kunst, die es wie keine vor und nach ihr
verstand, dem Toten in dauerndem Stein und ernst-

grossen Formen ein Haus für die Ewigkeit zu bauen,
die auch den Gedanken des Todesthores zuerst gedacht
; das Gedränge der Verdammten auf den
Feldern gotischer Kirchenportale; die nackten
leichenstarr ausgestreckten Toten der älteren französischen
Kunst, die in so ergreifender Weise die
armselige Vergänglichkeit aller irdischen Schönheit
und Pracht predigen, vor Allem jener wundervoll
gebildete Leichnam Louis de Brezes in der Kathedrale
von Rouen. Alles das hat der Künstler mit
offenem Auge und empfänglichem Gemüt in sich
aufgenommen. Aber er ist sich darüber selbst treu
geblieben. Kein Zug in der völlig neuen Auffassung
des Nackten verrät eine Anlehnung an Vergangenes
oder Fremdes. Alles ist hier ehrliche eigene Arbeit
vor der Natur — am ergreifendsten im Bilde der
toten Ehegatten, die vielleicht überhaupt das schönste
Stück am Ganzen sind. Und daneben — nein darüber
die grossflächige, ganz allein aus dem Stein
geborene Form und Vortragsweise.

Alles in Allem: ein feinfühliger, tiefer, aufrichtiger
Mensch, ein echter, ernster, grosser Künstler.
Und was er uns in diesem mächtigen Grabmal
bietet, ist die langsam gereifte Frucht eines ganzen
leidens- und arbeitsvollen Lebens. Was kann der
Mensch dem Menschen besseres geben!

Möge sein und seines Landes Beispiel reichen
Widerhall in der künstlerischen Friedhofspflege auch
unserer Gemeinden finden. Georg Treu.

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