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sei er auch nach Colmar, Schongauers Heimat, gelangt
und von Martins Brüdern, Caspar, Paul und
Ludwig, sowie zu Basel von dem vierten Bruder
Georg freundlich aufgenommen worden. Martin
Schongauer habe er trotz seines lebhaften Wunsches
nie gesehen. So berichtet Scheurl.
In allen Einzelheiten richtig kann diese Mitteilung
nicht sein, da Schongauer erst am 2. Februar
1491 starb, immerhin dürfen wir vieles davon
glauben, namentlich, dass der um 1490 berühmteste
oberdeutsche Maler, dessen Kupferstiche gewiss ihren
Weg in die Nürnberger Malwerkstätten genommen
hatten, dem jungen Dürer ein Leitstern und ein verehrtes
Vorbild war.
Der wandernde Geselle wandte sich, da er 1480
Nürnberg verliess, wahrscheinlich nach Westen,
wurde etwa aufgehalten, vom Wege abgelenkt und
kam erst nach dem Februar 1491 in Colmar an.
Im Jahre 1494 scheint er in einer Strassburger
Werkstatt gearbeitet zu haben. Wenigstens berichtet
eine alte Inventarnotiz von zwei Bildnissen, die
Dürer 1494 zu Strassburg von seinem Meister und
dem Weibe dieses Meisters ausgeführt habe.
Mit Hilfe dieser spärlichen Anhaltspunkte wird
freilich die Zeitspanne der vier Wanderjahre kaum
ausgefüllt. Viele Möglichkeiten bleiben übrig. Ehe
Dürer nach Colmar und Basel kam, und auch wohl
zwischen dem Baseler und dem Strassburger
Aufenthalt, könnte er ferne Landschaften besucht
und Anregungen am Niederrhein oder selbst in
Italien empfangen haben. Von Strassburg aus, falls
er wirklich dort 1494 zwei Bildnisse gemalt hat,
scheint er direkt nach Nürnberg zurückgekehrt zu
sein. Er war ja schon zu Pfingsten eben dieses
Jahres wieder in der Vaterstadt.
Nach dem Oberrhein weisen die Zeugnisse der
Dürerschen Thätigkeit, die wir aus den Wanderjahren
besitzen. Wenige Zeichnungen, ein Gemälde
, das Selbstbildnis von 1493 gehören in diese
Periode, und eine grössere Zahl von Holzschnitten,
die in Baseler Drucken aus den Jahren 1492, 1493,
1494 vorkommen und neuerdings mit guten Gründen
für Arbeiten des jungen Dürer erklärt worden sind.
Martin Schongauer, dessen Erbschaft Dürer gleichsam
von den Brüdern des verstorbenen Meisters
übernahm, war die prägende Kraft, die der
Kunst des wandernden Gesellen den Charakter gab.
Wohl stand Dürer, als Kind einer neuen Zeit und
kraft seiner Begabung an Beweglichkeit der Einbildung
und Freiheit der Gestaltung über dem Vorgänger
, aber, was das Formale betrifft, blieb er
noch in den Grenzen einer im Goldschmiede-
und Kupferstichbetrieb geborenen, spielerischen
spätgotischen oberdeutschen Kunst. Das Datum
der Befreiung fällt nicht in die Wanderzeit.
Die Jahre der Krisis scheinen 1495 und 1496
zu sein.
Wenn Dürer sich aus eigenem Vermögen,
aus tiefinnerlicher Entwickelung heraus, den
monumentalen und ausdrucksvollen Stil schuf, der
sich mit hinreissender Gewalt in der Folge der
„Apokalypse" offenbarte, so haben wir doch Anhaltspunkte
zu der Vorstellung, dass eine Reise
wiederum, dass Anregungen in der Fremde, neue
Vorbilder die Entwickelung förderten und beschleunigten
. Durch Mantegna wurde Dürer befähigt
, Schongauer zu überwinden. Eine Reise
Dürers nach Oberitalien etwa in dieser Zeit war
oft mit litterarischen Beweisstellen und mit stilkritischer
Demonstration konstruiert und in die
Wanderzeit hineingeschoben worden. Nun sprechen
die Monumente, nämlich Zeichnungen des jungen
Meisters, die Beziehungen zu Italien verraten, für
das Jahr 1494, weit stärker aber noch für das Jahr
1495. Im Jahre 1495 scheint Dürer aus einem
Gemälde Lorenzos di Credi ein Christuskind herauskopiert
, eine Zeichnung Pollajuolos kopiert und eine
reich gekleidete Venezianerin nach dem Leben gezeichnet
zu haben. Die Zahl der Beweisstücke dafür
, dass er um diese Zeit in Italien geweilt hat, ist
weit grösser; das Jahr 1495 aber ist als Datum
dieser Reise am ehesten wahrscheinlich zu machen,
wenngleich es seltsam erscheint, dass er so bald
nach seiner Heirat und Niederlassung in der
Heimat zur Fahrt nach Oberitalien aufgebrochen ist.
Diese Reise, deren Anlass und Zweck im Dunkel
liegen, war für die Entwickelung der Dürer'schen
Kunst von höchster Bedeutung, war überhaupt wohl
das folgenschwerste Ereignis seines Lebensganges.
Der strenge monumentale Stil ging damals seinen
Sinnen auf. Wenn seine ersten Meisterwerke, die
zwischen 1496 und 1500 entstanden, sich von Grund
aus von den Schöpfungen Wolgemuts und Schongauers
unterscheiden, durch die grossen Verhältnisse,
die Schärfe des Ausdrucks, die entwickelte Raumauffassung
, das feste Stehen der Figuren, die Wucht
der Bewegungsmotive, durch den tiefen Ernst und
das fast wilde Pathos, so ward die Kraft zu diesem
Aufschwung in Oberitalien gesammelt.
Eine tief im Wesen des deutschen Meisters
wurzelnde Neigung scheint auf eben dieser Reise
überraschend schnell zur Entfaltung gekommen zu
sein — die Liebe zur landschaftlichen Natur. Soll
das Geburtsjahr der deutschen Landschaftsdarstellung
bezeichnet werden, so kann kein anderes Jahr
als 1495 genannt werden. Die Reiseneugier zog
den Blick auf fremde, merkwürdige, grosse Formationen
. Auf der Alpenfahrt wurde der Sohn des
Flachlandes zum Landschaftsmaler. Ganz naiv und
ganz selbständig, mit fast topographischer, geo-
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