Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 4
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artig, wie wir annehmen müssen, scharf und überlastet
. Mit stolzem Selbstgefühl stellt Dürer die eigene
Kunst der fremden gegenüber. In seinen Briefen
ist keine Spur davon zu finden, dass die grosse venezianische
Kunst einen bestimmenden Eindruck auf
ihn gemacht habe. Die Monumente aber verkünden
deutlich genug, dass er als Empfangender auch das
zweite Mal auf italienischem Boden weilte. Nicht
nur, dass er von Venedig aus nach Bologna fuhr,
wie er berichtet, um der geheimen Kunst der Perspektive
wegen, die ihn einer lehren wollte. Der
Typus des oberitalienischen Altarbildes, wie die Vir
varini und Giovanni Bellini vor allen es ausgebildet
hatten, prägte sich dem deutschen Meister unauslöschlich
ein. Viele Entwürfe aus fast allen Perioden
seiner Thätigkeit, von 1511 etwa und 1521, zeigen, dass
ihm das venezianische Andachtbild als das Andachtsbild
an sich im Sinne blieb. Die venezianischen Bilder
mit dem glücklichen Gleichgewicht der Massen, dem
Wohllaut der Linien und der Vornehmheit der Gestalten
, all ihre Pracht und Würde wurden in ihm
wieder lebendig, sobald die Aufgabe eines Altarbildes
mit ruhig bei einander weilenden heiligen Gestalten
an ihn herantrat.

Im Juli 1520 brach Dürer auf mit seinem
Weibe und einer Magd nach den Niederlanden und
blieb ein ganzes Jahr in der Fremde. Wir verfolgen
die Fahrt fast Tag für Tag, da wir sein Reisetagebuch
, wenigstens in Abschriften, besitzen. Die Briefe
an Pirkheimer aus Venedig sind dramatisch, sie
bieten Spannung und Steigerung, das Tagebuch der
niederländischen Reise ist ganz und gar, mit einigen
Abenteuern, ruhige Epik. Der Meister reiste über
Bamberg, Mainz, Frankfurt und Köln nach Antwerpen
, von dieser Stadt aus, zu der er öfters zurückkehrte
, nach Brügge, Gent, nach Aachen zur Kaiserkrönung
, nach Brüssel und Mecheln, nach Zeeland
und nach Holland zu bis Nymwegen. In den genannten
Städten und in vielen anderen hielt er
sich auf, verkaufte, verschenkte und vertauschte
seine Kupferstiche und Holzschnitte, verkehrte mit
vielen Malern und Herren anderer Stände, wurde
allenthalben freundlich aufgenommen und an vielen
Orten stattlich gefeiert. Er verweilte, von der Not
des Lebens nicht mehr so hart getrieben wie ehemals,
in beschaulicher Betrachtung der Kunstwerke und
der Merkwürdigkeiten überall.

Der erste Anlass zu dieser Reise war anscheinend
der Wunsch, dem neuen Kaiser Karl, der
gekrönt werden sollte, irgendwo in den Niederlanden
zu begegnen und von ihm die Bezüge bestätigt zu

erhalten, die Maximilians Gunst ausgesetzt hatte.
Mit grösster Mühe erreichte Dürer schliesslich dieses
Ziel. Die Absicht, Kupferstiche und Holzschnitte in
den Niederlanden zu verkaufen, ging nebenher, und,
nach den Eintragungen in dem Tagebuch zu
schliessen, muss der Meister eine grosse Masse von
seiner gedruckten Kunst mit sich geführt haben.

Dürers Kunst schlummerte keineswegs auf dieser
Fahrt. Er malte nicht viel, zeichnete aber umsomehr
und porträtierte fast alle Personen, mit denen er in
Beziehung trat. In ein Büchlein, von dessen Blättern
uns viele erhalten sind, trug er zierliche Aufnahmen
mit Metallstift ein, Bildnisse, Ansichten merkwürdiger
Baulichkeiten, fremdartige Trachten und anderes,
was seine Aufmerksamkeit irgendwie fesselte (siehe
die Abbildung zu Anfang dieses Aufsatzes). Ausserdem
besitzen wir noch eine grosse Zahl der mit
Kohle, fast in Naturgrösse entworfenen Bildnisse,
Köpfe und Brustbilder, die er den Dargestellten
schenkte oder verkaufte. Merkwürdig ist, dass der
Anblick fremder Gegenstände seine alte Liebe zur
landschaftlichen Natur nicht kräftig belebt zu haben
scheint. Das Architektonische in den Niederlanden
hat ihn mehr gefesselt als das rein Landschaftliche.

Dürer traf mit vielen guten Malern zusammen,
mit Quentin Massys, Joachim de Patenier, Bernhard
von Orley und Lucas van Leyden, und er betrachtete
in Brüssel, in Gent und in Köln die Schöpfungen
der grossen Ahnen. Die Wirkung aus diesem Verkehr
und diesem Betrachten auf seine Kunst erscheint
nicht sehr erheblich, zeigt sich im wesentlichen
in einer allgemeinen Erhöhung seiner Kräfte.
Die niederländische Kunst war damals in einer
Krisis, im Begriff, ihre besten Traditionen aufzugeben.
Alles blickte nach Süden, nach Rom. Dürer erwarb
in Antwerpen die Kupferstiche des Lucas van
Leyden, er erwarb aber auch das Werk Raphaels
in den Stichen Marc-Antons. Italienische Erinnerungen
erwachten auf der niederländischen Reise.

Als Suchender undLernenderwanderte Dürer das
erste Mal aus von Nürnberg nach Westen, durch
Schongauers Stern gelockt, und dann nach Italien;
im Innersten wurde er damals bewegt, gelenkt
und bestimmt durch die fremden Erscheinungen.
Als Kämpfer, in männlicher Reife zog er später
aus der heimatlichen Enge in die Weite und erprobte
die gesammelte Kraft im Wettstreit mit den
Venezianern. Rüstig, aber in beschaulicher Ruhe,
im festen Besitz durchreiste er endlich die Niederlande
, die Früchte seines arbeitsreichen Lebens
sammelnd.

Max J. Friedländer.


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