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Deutsche Landschaft.
DARF man von der deutschen Landschaft allein
sprechen und an der niederländischen vorübergehen
? Es scheint fast Willkür, ein so weites Gebiet,
wie das Naturempfinden des germanischen Stammes
nur in den zufalligen politischen Grenzen von heut,
gewissermassen in einer Provinz, suchen zu wollen?
Wenn der nordischen Kunst mit der südlichen
verglichen, die vollendete Form, die Schönheit der
Linie und der freien Anordnung fehlt, so war es ihr
dafür vorbehalten, für das innere Leben den treuesten
Ausdruck zu finden und dazu war es ihr gegeben,
die leblose Natur zu beseelen und in tief und innig
empfundenen Werken aufleben zu lassen.
Da haben anfangs die gleichen Versuche den
gleichen Erfolg, wo sie auch angestellt werden, an
der Donau wie am Niederrhein; man weiss einmal
zu viel vom Irdischen, vom Menschen und seiner
Umgebung, um es länger, wie das Mittelalter that, dem
Göttlichen zu Liebe totschweigen zu können. In
den frommen Bildern durchdringt jetzt die Welt
den goldgemusterten Grund; anfangs, im Rücken
der heiligen Männer und Frauen, streckt die Heimatsstadt
des Malers ihre Türme oft genug noch in
einen goldenen Himmel, bald kommt mit der blauen
Luft über ihr auch das Grün um ihre Mauern, auf
Hügeln und Wiesen zu seinem Recht.
Aber von da an scheiden sich auch schon die
Wege, auf denen jeder der germanischen Stämme
seinem Hang zu Natur folgt: sobald die Landschaft
da ist, zeigt sie sich auch anders am oberen wie am
unteren Lauf des Rheins, um den Main anders wie
an der Donau. Seitdem darf man von deutscher
Landschaft reden: zwischen Frankreich und dem
Böhmerwald ist auch sie zu Hause.
Ihre Lehrer freilich sind die alten Niederländer.
Wohl ein halbes Jahrhundert früher durchziehen die
Gottesstreiter des Genter Altars ein unbetretenes
Land: blumenbestandener Rasen mitFruchtbäumchen,
ein schimmerndes Stadtbild vor der blauen Ferne
unter dem von leichten Sommerwolken und Vögeln
belebten Azur. Als schönster Ausdruck der frommen
Freude an allem, was die Erde trägt, wird diese
Landschaft immer in allgemeiner Verehrung bleiben.
Aber gleichzeitig spricht aus ihr zum ersten Mal
und in ganz naiver Selbstverständlichkeit jenes behagliche
Bewusstsein, mit dem der Niederdeutsche
der Natur gegenübertritt. Oft ist ihm die Stadt, in
der er lebt, mit dem geschäftigen Treiben des
Alltags auf den Strassen, darüber der Sonnenschein,
gerade würdig genug als Hintergrund für die heiligsten
Vorgänge, und wenn ihn sein Weg ins Freie führt,
so ist's nicht allzuweit: wie ein Spaziergang, aus
einem Thor hinaus und zum nächsten hinein, durch
Gartenland über sanfte Hügel; ein Bach durchzieht
saftige Wiesen, ein Brückchen darüber führt
zur Hütte zwischen Büschen. Auch die heiligen Eremiten
lassen sich das Suchen nach Einsamkeit nicht
zu schwer werden; ihr Felsenthal hat etwa soviel
Schrecken, wie für Kinder der abgelegene, verbotene
Teil eines Parks.
Der Niederländer kennt und sucht in seinem
fleissig bebauten und ausgenutzten Flachland keine
Oede; dem Deutschen ist im Walde am wohlsten,
„wo man das Klopfen des Spechtes hört", der die
Menschen meidet, und selbst mitten unter den menschlichen
Wohnungen, im Alltäglichen sucht er sich die
Einsamkeit, in dem geheimnisvoll verborgenen Leben,
das den toten Dingen inne wohnt. Das Städtchen,
ein Haus, die Hütte, alltägliches Menschenwerk regt
ihn an, wenn es mit dem Boden verwachsen, mit
der Natur eins geworden ist. Die starre Linie einer
Mauer, die kahle Fläche einer Wand bleibt ihm so
wenig tot, wie Berg und Wald und Gras. Für ihn
leben die Strohdächer ärmlicher Hütten, der wackelige
Zaun um ein Gehöft, die bröckelnde Mauer, weil
er in ihnen das stetig Wirkende spürt.
In Dürers Auge spiegelt sich das alles zum
ersten Mal, er umspannt jene stille Welt neben der
lebendigen früher als irgendwer sonst. Aus der
Fülle von Anschauungen, die er kindlich unbefangen
und zugleich erschöpfend aufnimmt, schafft er eine
ganze lebensfähige Welt neu, mit der Natur um
die Wette.
Verschwenderisch giebt er das einzelne aus in
den Gründen seiner Holzschnitte und Stiche fast
mehr noch als seiner Bilder: bald staunend das
„Meer mit weit erwärmten Buchten" und den
schwindelnden Blick in ein Alpenthal, bald träumerisch
und liebend versenkt den prachtvollen Baum,
ein verfallenes bebuschtes Gemäuer, das einsame
Weiherhäuschen. Dann — obwohl seltener — baut
er, wie in der grossen Kanone, lauter Einzelbeobachtungen
: das friedliche Dorf mit seiner Gemarkung
, die weitgezogene Bucht des Sees, den
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