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kahlen Bergrücken zu einer Landschaft zusammen,
die so nirgends besteht, die aber bestehen könnte
und völlig wahr ist, denn er hat die Lebensgesetze
ergründet vom Baum bis zum spärlichen Gras und
dem Geröll am Abhang, und mit wahrhaft
schöpferischer Weisheit giebt er einem jeden zum
Leben auch die rechte Stelle.
Seine durchgeführten Werke könnten den Schein
wecken, er habe zu viel auf der Erde zu sehen gefunden
, um sich auch in das eigentümliche Leben
der Atmosphäre zu vertiefen. Das phantastische
Licht des Kometen über dem toten Wasserspiegel
in der „Melancholie" ist fast die einzige Ausnahme,
wenn man bedenkt, dass die Anregung zu dem Gewitterhimmel
mit dem fahlen Streifen am Horizont,
vor dem das Kruzifix einsam ragt, in dem kleinen
Wunderwerk der Dresdener Gallerie ihm von Bellini
oder Giorgione in Venedig gekommen ist. Auch in
seinen landschaftlichen Zeichnungen kann ihn die
Gestalt des Bodens, die Bewegung der Hügel und
Kuppen, das leise und doch energische Schwellen
der Felder in seiner fränkischen Heimat lebhaft, bis
zum Vergessen der Luft darüber beschäftigen. Aber
doch hin und wieder muss ihn auch schon atmosphärisches
Leben mächtig ergriffen haben. Rasch
wechselnde Bilder und Farben sind es, die er in
den wunderbaren Zeichnungen des British Museum
festhielt, in dem sogenannten „Weiherhäuschen" ein
Abendhimmel mit dunkelem Gewölk, und dann
wieder über einem klaren Wasserspiegel der lichte
Horizont gegen dunkle Wolken. Was er so in raschem
Fassen oder treuem Verweilen festhielt, war jedesmal
vollendet, jedes Ding ein allgemeingiltiges
Muster seiner Gattung; es bedeutet mehr als bloss
Anerkennung für seine Kunst, wenn Raffael zuliess,
dass seine Schüler für den Hintergrund der Loggienbilder
manches von Dürer entlehnten. Nachthun
konnte es ihm keiner — es sind ohnehin wenige,
die ihm folgten —, und noch wenigere gingen neben
ihm aus Eigenem ähnliche Wege.
Der Oberfranke Cranach baut sich Waldesszenen
für seine rastenden heiligen Familien und
frommen Büsser aus einzelnen Felsen und Bäumen
zusammen: verweht und verwittert, mit Flechten an
den Aesten und knorrigen Wurzeln, keine Ausschnitte
der Natur, sondern in wenigen grossen
Zügen die Hauptsache. Dazu gehört auch die
Atmosphäre, oft nur leichte krause Wölkchen, aber
auch Stimmungen im Grossen; einmal ist ihm hinter
dem Kruzifix ein Gewitterhimmel gelungen: vor
düster sich herwälzenden Wolken schwankt im
Sturm der Eilung fahl beleuchtet der Wipfel einer
Birke.
Es ist erstaunlich, was damals in der deutschen
Kunst an Keimen für die Landschaftsmalerei liegt,
die nicht aufgehn sollten: Matthias Grünewald, der
grosse Colmarer Meister, dessen Farbenkunst und
Lichtmalerei uns heut neben dem Besten aus jener
Zeit wie Zauberei anmutet, giebt seiner Antoniuslegende
als Hintergrund Blicke in wilde Vogesen-
thäler. Auf zerklüftetem Gestein schwanken Tannen
mit Moos behängt, und im sumpfigen Wiesengrund
schreitet ein Hirsch zum Wasser, wie um durch dies
stille Leben die Einsamkeit nur noch tiefer empfinden
zu lassen. Grünewalds elsasser Landsmann, Hans
Baidung, versetzt gar das Rosenwunder der heiligen
Dorothea in eine richtige Winterlandschaft, unübertrefflich
echt, vom verschneiten Tannenwald am
Bergabhang bis zu den halbgetauten Spuren von
Menschen und Tieren im Schnee.
Als Dürer in den Jahren 1520/21 die Künstlerschaft
der Niederlande kennen lernte, fand er dort
Joachim Patinier „den guten Landschaftsmaler" zu
loben; für den grössten nordischen Meister gab es
also den Begriff, den gleichzeitig einer der grossen
Italiener, Lionardo, verachtete. Der niederländischen
Kunst war es gegeben, die Keime von damals in
einer fast zweihundertjährigen Blüte zu entwickeln;
die deutsche Kunst war nicht so glücklich, aber
einen Meister hat sie allerdings aufzuweisen, in
dessen Schaffen vorweggenommen scheint, was
anderweit erst so spät aufgehen sollte: das sich
selbst genügende Landschaftsbild. Von Regensburg
aus durchforschte damals das Donauthal und die
deutschen Voralpen Albrecht Altdorfer. Er nimmt
keinen hohen Flug, wenn man an Dürer denkt, und
neben diesem erscheint sein Kreis fast eng, man
möchte auch provinziell befangen sagen. Aber
Mitleid braucht er nicht, denn diese Enge lohnt ihm
seine Liebe mit verborgenen, unerschöpflichen
Reichtümern. Ein augenblicklicher Eindruck, plötzliche
Freude scheint ihm unaufhörlich neue Aufgaben
zu stellen; er sucht nicht das Vollkommene,
aber er findet es oft und mit innerem Jubel ' an
seinem Wege: die hohe Fichte, an der vorüber der
Blick über eine tiefe Landschaft streift, hat irgendwo
geradeso mit dürren Aesten zwischen den glänzenden
Zweigen vor ihm gestanden, das tiefe Waldesdickicht,
der Sonnenuntergang über dem Donauthal haben
ihn einmal überrascht, und immer war es ein
Erlebnis, stark genug, eine rasche Radierung, wie
eine seiner liebevollen Tafeln zu füllen. Wenn er
solche Bildchen, Landschaften an sich, mit Gestalten
bevölkert, so hätte zwar mancher seiner
Zeitgenossen ihnen bessere Formen, aber keiner
den innigen Zusammenklang mit der Natur geben
können; denn in ihm lebt etwas von der Unberührtheit
dieser Gegenden, deren Geheimnisse nur
er gekannt hat. Mit Altdorffer stirbt die deutsche
Landschaft, die ihm ihr Leben verdankt; durch das
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