Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 7
(PDF, 164 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0489
Donauthal klingt wohl noch eine Weile die Weise,
die er angefangen, von Ingolstadt bis Wien, aber
nur, um bald für immer zu verklingen. Wie so
viele Verheissungen der deutschen Kunst unerfüllt
geblieben sind! Zwar scheint zwei Generationen
später in dem Frankfurter Adam Elsheimer
noch einmal die Poesie der Landschaft aufzuleben
. Aber sein Schaffen hat vor allem Italien
zum Schauplatz und bleibt für Deutschland
ohne Folgen. Es ist ein leidiger Trost, dass die
besten Anregungen, die von ihm nach Norden
drangen, dem jungen Rembrandt zu gute kamen.

In den glücklichen Niederlanden schildert dann
Talent neben Talent mit heller Freude die einfachen
Herrlichkeiten der Heimat; währenddessen
muss sich Deutschland mit dem fleissigen Topographen
Mathäus Merian begnügen, und Wenzel
Hollar, der brave Halbslave durchzieht die Welt,
bringt alles, was vor sein objektives und geschäfts-
mässiges Auge kommt, ein Vorläufer der Camera
obscura, sehr zierlich auf kleine radierte Plättchen.
Das ist kein sehr stolzer Nachwuchs für jene Begründer
der deutschen Landschaft. An ihren Erfolgen
aber spürt man schon fast jenen fatalen Zug
zum Exotischen und Topographischen, dem in unserm
Jahrhundert der Geschmack des Publikums, zum
Nachteil echter Kunst, so gern folgte. Den Grossen,
Fürsten und Adel, die zwischen der anstrengenden
Repräsentation in der Jagd Erholung suchten oder
die Zurückgezogenheit der Landsitze sehen aufgaben
, ist die Natur niemals so fremd geworden,
wie dem Bürger des 17. und 18. Jahrhunderts; in
den Schlössern überall spannt sich das Bild des
Waldes, des Blachfeldes, des Wildgartens als Gobelin
die Wand entlang, als Sopraporte in zierliches
Rahmenwerk. Wo einheimische Kräfte fehlen, geben
die Niederländer immer wieder die Anregung.

Ihr Einfluss herrscht allenthalben; zum Unglück
hält man sich weniger an ihre Art, die Natur zu sehen,
als an ihre Motive, bis diese in der hundertsten
Wiederholung kaum noch etwas mit dem ursprünglichen
Natureindruck zu thun haben. Man
„rembrandisierte und zündete nebenher Dörfer und
Mühlen an", „die Bäume hatten Wahrheit, aber ein
kleinliches Blätterwerk" und kurz und gut: man war
„an die Nachahmung der ausführlichsten Niederländer
gewöhnt". Die Lieblingsmaler des alten Rats
sind typisch für die ganze Richtung; Gessners Idyllen
und mehr noch seine idyllischen Naturstudien gehören
in ihrer Herzlichkeit zu den seltenen Ausnahmen.

Aber das letzte Stündlein dieser Kunst hatte
geschlagen, als von Deutschland her der Zug nach
Italien begann. Es war freilich nicht jene Fülle des
goldenen Lichts, über der einst die Maleraugen niederländischer
Künstler das Silbergrau der heimischen

Johann Adam Klein, Der Landschaftsmaler auf Reisen.
Radierung (verkleinert), h. o.i25, br. o.i85.

Atmosphäre vergessen konnten. Die Deutschen
fühlten sich hier in dem Vaterland der klassischen
Gestalten, an denen sie sich zu Hause gebildet hatten;
in der südlichen Natur fanden sie ihre klaren Züge
und grossen Formen wieder und schwelgten, vom
blossen Klang klassischer Namen trunken, allein
schon in ihren Konturen. Kniep, der immer mit
spitzem Bleistift gerüstete Reisegenosse Goethes,
„Kniep zeichnete den Vesuv in reinlichen Linien",
und Hackert durfte unter den Augen des Olympiers
selbst, an der Hand des Kunstmeier zur Unsterblichkeit
eingehen, weil er „der beste Maler im bedingten
Fach der Prospekte" war. — Zum Glück haben
Andere Italien anders gesehen. Böcklin hat es
auch einmal in Worten erschöpft „warum es dort
so schön ist": „die Ueppigkeit der Vegetation, die
Schönheit der Bauformen, das Einzelstehen der
Gruppen auf Haideflächen, dahinter eine senkrechte
Felswand, eine Hochebene, die Massigkeit des Grüns
und die Fülle von grauen Tönen; das Oasenhafte
der einzelnen Baumgruppen in wüster Fläche und
die herrliche Felsformation". Aber die Zeit, das
alles zu überschauen und zusammenzufassen, war
noch nicht gekommen. Für lange noch blieb es
vor allem der Sinn für Formen und Linien, den die
südliche Landschaft weckte: von Koch bis auf Preller,
Schirmer und Rottmann. Wer diese Meister deshalb
arm an malerischem Empfinden nennt, vergisst, dass
sie auch ohne Farben und Töne ihr höchst malerisches
Ziel erreicht haben: es war die wundervolle Weite
italienischerBlicke, die Grösse des Raums. Nach langer
Zeit geht hier wieder durch diedeutsche Landschaft ein
strenger und kräftiger Geist. Sie malten freilich nicht
das „Italien in 60 Tagen", das heut mit ewig blauem
Himmel und natürlichen und künstlichen Feuerwerken
so beliebt ist — aber die herrlichen Kreise
der sizilischen Buchten, der „grosse Wellenschlag"
des Hochplateaus, der Campagna, lassen sich mit allen
Mitteln der Malerei nicht grandioser geben, als


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0489