Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 28
(PDF, 164 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0510
Aber dass es ihr
überhaupt an Scharfäugigkeit
gemangelt
habe, kann man angesichts
eines Kopfes
wie des Taf. 56
gegebenen nicht sagen
. Hier ist liebevolles
Eingehen auf
das Individuelle eines
bestimmten Modells.
Der Kopf würde neben
manchen Cinquecento
- Büsten vielleicht
nicht einmal
sehr verlieren. Er Tyrripanon.

würde einen zarteren Eindruck machen. Aber die
grössere Zartheit ist eben dem Modelle eigen. Der
Franzose ist feiner gebaut als der Italiener. Die
Brutalität italienischer Söldnerführer und Bankiers
muss man hier schon um deswegen garnicht suchen.

Die Gotik gönnt schon zur Zeit der Herrschaft
des Feierlichen auch dem Bewegteren seinen Platz,
es gern an Stellen bringend, wo der Eindruck des
Ganzen nicht in Frage ist, wie in den kleinen, durch
festes Rahmenwerk gleichsam isolierten Reliefs der
Sockel u. s. w., oder auch als Kontrast gegen das
dominierende Ruhevolle. Jenes in ihr liegende
Doppelstreben musste mit der Zeit zu stärkeren
Kompromissen führen, zu Zugeständnissen, die in
gewissem Sinne eine Veränderung des ursprünglichen
Charakters bedingten: sie kam eben schliesslich
ihrerseits in das Fahrwasser derjenigen provinziellen
Richtungen, die sie ursprünglich bekämpft und verdrängt
hatte; sie nahm — auf einer höheren Stufe
der Naturanschauung und Technik — ähnliche Tendenzen
auf wie jene: sie ward bewegt. Doch ihr
Ziel ist auch jetzt feinstes, feinfühligstes Zusammenstimmen
des Plastischen mit dem Architektonischen,
und im Grunde war der Uebergang zum mehr
Malerisch-Freien, Liebenswürdig-Lebhaften nur ein
Anpassen der Bildnerei an den verfeinerten, bewegteren
Stil der Baukunst. Aber diese Bewegtheit besteht
zudem auch nicht in einem freien Ausgreifen der
Glieder, sondern gerade das Gebundene, Rhythmische
ist charakteristisch wie früher schon. Ihre Figuren

Moissac.

bewegen sich wie
nach den Gesetzen eines
gesellschaftlichen
Anstandes, oft wie
im Tanzschritt.

Es ist der gotische
„Schwung", der
auf einem rhythmischen
Wechsel (und
Ausgleich!) von Bewegung
und Gegenbewegung
beruht. —
Das Kapitel von der
gotischen Bewegung
ist verknüpft mit dem
von der gotischen
Falte; gesagt sei hier, dass sich die französische
Gotik nur zögernd auf einen „Gesamtschwung"
der Gestalten eingelassen hat. Doch wurde gerade
das Geschwungene rasch von den Ausländern, z. B.
den Deutschen, aufgefasst und zum Teil übertrieben.

Mit dem grösseren Bewegungsdrange (seit dem
4. Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts) Hand in Hand
geht die Richtung auf grössere Bewegtheit, Zierlichkeit
, Zuspitzung und gleichsam Verflüchtigung der
Körperformen (schon in dem Kopf, an Hand und
Arm auf Taf. 56 wahrnehmbar). Auch diese Verneinung
des Körperlichen ist also nichts allgemein
Gotisches, sie ist für ihre erste Epoche ebensowenig
wie der „Schwung" charakteristisch.

Man sage nicht, diese erste Phase sei nur eine
Vorstufe; es ist eine erste Blüte, wo neben ausgereiften
Werken schon die Keime einer zweiten liegen.
Manches Werk von Rang ist nicht auf uns gekommen,
von den Pariser Statuen fast nichts als die sechs
unbedeutenden an St. Germain-l'Auxerrois. Zu beklagen
besonders, dass die Christusstatue und die
der Madonna von Notre-Dame zu Grunde gingen.
Die etwas jüngeren Statuen in Amiens geben eine
ungefähre Vorstellung von ihrer hohen Vollendung,
von der reinen, hoheitsvollen Schönheit ihrer Köpfe.

Wo wäre die französische Gotik später dem
innersten Wesen ihrer höchsten Aufgaben so nahe
gekommen, als in diesen Köpfen? Ist nicht aber
auch dieser Einklang eins der Kennzeichen des
Klassischen? Wilhelm Vöge.

- 28 -


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