Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 31
(PDF, 164 MB)
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virtuose Beherrschung einer dekorativen Fülle und
das auf konventionellen Elementen beruhende Pathos
am besten gelangen. Da Benvenuto mit ebenso
grosser Leichtigkeit zusammenstellte wie mit Geschmack
, Sauberkeit und Anmut ausführte, so können
wir uns wohl erklären, dass die an Hüten zu
tragenden Medaillen mit sinnreichen Allegorien, die
historischen Denkmünzen, die er für Papst ClemensVIL
prägte, die Geldmünzen, die er ebenfalls für Clemens,
dann für dessen Nachfolger Paul III. und für den
Herzog von Florenz herstellte, dass ferner seine
Kardinalsiegel und endlich die Porträtmedaillen hervorragender
Männer, wie des Pietro Bembo, grossen
Beifall fanden. Der künstlerische Charakter dieser
Arbeiten, von denen genug erhalten sind, um ein
Urteil zu gestatten, ist der eben beschriebene epigonenhafte
der ganzen Zeit; nicht ohne Geist weiss Benvenuto
eine kleine persönliche Note, eine raffiniertere
Grazie dabei zur Geltung zu bringen, und so tritt
er wirklich unter den andern hervor, ohne sie doch
gar zu sehr in den Schatten zu stellen.

Aber eben weil er schliesslich doch nicht so
viel leistete, als er selber glaubte (weshalb er auch
nicht die übergrossen Aufträge erhielt, die er sich
wünschte), fesselte weder ein Papst noch sonst ein
italienischer Fürst den ohnehin recht zügellosen
Cellini auf die Dauer an seinen Hof. Enttäuscht
und verstimmt suchte er daher nach einer lohnenden
Thätigkeit, und als sich eine Gelegenheit bot, ging
er 1540 zu König Franz I. von Frankreich. Dieser
Monarch von grandioser Ritterlichkeit, dessen Erscheinung
einen tiefen Eindruck auf seine Zeitgenossen
gemacht haben muss, hatte schon mehrere
italienische Künstler nach Paris gezogen, um dem
französischen Stil nach seinem Geschmack frisches
Blut zuzuführen. Seine Freude am Ungewöhnlichen
und der Ruf seiner Freigebigkeit versprachen dem
hochfahrenden Benvenuto sowohl anregende Thätigkeit
als königlichen Verdienst; und gegen fünf Jahre
lang hat er es denn auch in Paris ausgehalten,
da man ihn dort unbedingter gelten liess als in
seiner Heimat.

Von Franz I. gnädig aufgenommen, gut besoldet
, sogar mit einem geräumigen Anwesen belehnt
, eröffnete er sofort eine Werkstatt für die
gewöhnlichen Bestellungen, und nachdem er den
König mit einem in der That unvergleichlich schönen
Pfeffer- und Salzfasse von Gold, das die Erde und
das Meer als Erzeuger dieser Gewürze darstellte
(vergl. Museum V, Taf. 6), vollständig gewonnen
hatte, brachte er es dahin, dass ihm der ausserordentliche
Auftrag zu Teil wurde, zwölf reichlich
lebensgrosse Statuen von Silber, die olympischen
Götter, die als Fackelträger den Speisetisch des
Königs umstehen sollten, in getriebener Arbeit zu

liefern. Dergleichen war kaum noch Sache eines
Goldschmiedes, vielmehr die eines geschulten Monumentalbildhauers
; aber eben für einen solchen hielt
Cellini sich, und zwar für einen, der von der „göttlichen
Manier" des unerreichbaren Michelangelo
Buonarroti sich nicht zu sehr entfernte. Mit Begeisterung
griff er daher die Aufgabe an ■— wie er
sie löste, können wir uns nur noch vorstellen, da
die einzige Figur, die fertig wurde, ein Jupiter, der
in der erhobenen Rechten den Blitz führte, schon
sehr bald in den Schmelztiegel sinken musste. Die
Statue, auf vergoldetem Postament, umspielt von
den herrlichen Reflexen des kunstreich behandelten,
polierten Silbers, wird in geeigneter Beleuchtung
äusserst wirkungsvoll, in ihrem Aufbau und in den
plastischen Motiven aber, genau betrachtet, theatralisch
und ohne jene Kraft und Würde, an die wir bei
der Anrufung von Michelangelos grossem Namen
zunächst denken, geblieben sein. Der Spieltrieb der
Goldschmiede, die bei zierlichen Einzelheiten verweilende
, aber gegenüber dem psychologischen
Problem versagende Phantasie des Dekorateurs wird
sich an ihr nicht verleugnet haben.

Inzwischen jedoch hatte Benvenuto sich an noch
ganz andere Werke herangewagt; sein Drang nach
Monumentalität konnte sich nicht genugthun. Ein
Lieblingsort des Königs war das jagd- und wasserreiche
Fontainebleau; das Schloss daselbst liess er
mit Behagen ausschmücken und bestellte bei Cellini
die Verzierung eines Thores. Die echt französischen
gedrückten Formen dieses niedrigen und breiten,
von Pilastern flankierten, von einer Lunette in Korbhenkelform
überdeckten Portals waren dem Italiener
unsympathisch; dennoch fand er sich hinein und
schuf, unter freier Behandlung der Architektur, die
jetzt nicht mehr an ihrem Orte ist, den verlangten
Schmuck: ein grosses Bronzerelief der Quellnymphe
(vergl. deren Abbildung Museum III, Seite 61, und
den dazu gehörenden Aufsatz). Dieses Relief, dessen
Manierismus in der überschlanken und allzu eleganten
Gestalt der nackten, ruhenden Nymphe den Künstler
nicht unberührt von französischen Einflüssen oder
wenigstens von denen der französisch-italienischen
„Schule von Fontainebleau" zeigt, sollte aber gleichsam
bloss als eine vorläufige Befriedigung des Königs
gelten. Benvenuto, gestützt auf den leicht entzündlichen
, das Gewaltige liebenden Geschmack seines
Gönners, hatte ganz andere Pläne zur Ausschmückung
jener Quelle entworfen. Er wollte den Brunnen
mit künstlich sich schneidenden Treppen und
Terrassen umgeben, also auch als Architekt sich bewähren
; an den vier Ecken sollten allegorische
Figuren, die Philosophie, die bildende Kunst, die
Musik und die Freigebigkeit thronen, in der Mitte
aber, nächst dem Brunnenrande, eine nackte


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