Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 39
(PDF, 164 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0521
zur Verwendung gekommen
ist. In Venedig können wir
die Entwickelung des Holzschnittes
für den Abdruck auf
Papier ungefähr seit der Mitte
des XV. Jahrhunderts an erhaltenen
und datirbaren Denkmälern
verfolgen. Für die
Buchausstattung verwendete
man ihn zuerst nur zum Vordruck
der Ornamente für die
Miniatoren; aber schon 1472,
wenige Jahre nach der Einführung
des Buchdruckes in
Italien, entstand in Verona
das erste reicher illustrierte
Buch in Oberitalien, des Val-
turius Werk über die Kriegskunst, in dem allerdings
die Holzschnitte noch nicht gleichzeitig mit
dem Texte, sondern erst nachher, wie Stempel, eingedruckt
sind.

Der Valturius fand zunächst nur vereinzelte
Nachfolger, dann aber entfaltet die venezianische
Buchillustration seit dem Ende der achtziger Jahre
eine erstaunlich reiche und künstlerisch erfolgreiche
Thätigkeit. Malermis Bibelübersetzung, Dantes,
Petrarcas und Boccaccios Werke, die Meditazioni
des hl. Bonaventura, die Fioretti des hl. Franciscus,
Uebersetzungen von Aesop, Livius, Ovid und eine
grosse Anzahl anderer Bücher empfing nun hier
einen Illustrationsschmuck, der für die Nachfolger
und Nachahmer lange vorbildlich geblieben ist.

Auf Originalität der Kompositionen legt man
augenscheinlich kein grosses Gewicht. In der Maler-
mibibel von 1492 sind die Bilder der Kölner Bibel
von 1479 benutzt, im Terenz die Darstellungen der
Lyoner Ausgabe, im Petrarca von 1491 eine Reihe
florentinischer Kupferstiche. Wenn die Illustratoren
aber auch, wie die originalsten der grossen Meister,
oft gern an den althergebrachten Typen festhalten
oder einzelne Motive älteren Darstellungen entlehnen,
so wissen sie doch ihren Werken den ganzen Reiz
der Neuheit zu geben. Der
besondere Inhalt der Bilder
wird dem Künstler offenbar
nebensächlich in seiner
Freude an der Wiedergabe
des Lebens, das ihn um-
giebt, und am Wohllaut
der Form. Mit entzückender
Frische und Lebendigkeit
sind oft Gestalten und
Gruppen hingestellt, die
geradezu mit Bewunderung
für die Feinheit der Beob-

Bildnis der „Damisella Triulcia".

Aus Bergomensis' Buch „de claris mulieribus",
gedruckt in Ferrara 1497.

Illustration zum 97. Psalm.

Aus der Malermischen Bibelübersetzung,
gedruckt in Venedig 1492.

achtung der Natur und des
Ausdruckes seelischer Empfindung
erfüllen. Einzelne
Holzschnitte der Malermibibel
(s. Abb. S. 39), des Boccaccio
und vieler anderer Bücher
kann man als Meisterwerke
der Kunst ohne jede Einschränkung
bezeichnen.

Die grosse Wirkung dieser
einfachen Bildchen beruht
nicht nur auf der erstaunlichen
Sicherheit, mit der die
Formen in wenigen Linien
wiedergegeben sind, auf dem
feinen Geschmack in der Anordnung
der Figuren zu einander
und im Räume, sondern vor allem auch
in einer uns Modernen unbekannten und unnachahmlichen
Diskretion in der Verwendung der künstlerischen
Mittel. Gerade durch diese geschmackvolle
Beschränkung auf das unbedingt Notwendige
in der Komposition wie in der Verdeutlichung der
Formen durch Linien, in der Darstellung der Affekte
und der Handlung, wie in der nur andeutenden
Schilderung der räumlichen Umgebung und allen
Details wird es erreicht, dass die Bilder sich inhaltlich
dem Texte und ornamental dem Drucksatze
so anschmiegen, dass weder die Darstellungen zu
selbständig werden und von den Worten ablenken,
noch die Linien mit dem Satzbilde in Widerstreit
treten.

In der Technik bleibt man in Venedig der reinen
Umrisszeichnung, die dem echten, alten Holzschnitte
eigentümlich ist, merkwürdig lange treu. Nur gewinnt
die ursprünglich dicke, weich sich rundende
Linie eine immer grössere Feinheit und Schärfe,
nicht allein weil die Formate der Bilder immer
kleiner werden, sondern auch weil man den Darstellungen
etwas von dem skizzenhaften Charakter
der Federzeichnung zu geben sucht, besonders durch
häufige Unterbrechung im Zuge der Umrisslinie und

hartes, eckiges Absetzen der
Linien gegeneinander. In
einigen der letzten Werke
desQuattrocentobeginntmr.il
einzelne Teile mit Schraffierungen
zu füllen, so z. B.
in den Holzschnitten des
Ovid von 1497 und, wenn
auch sehr diskret, in der berühmten
und mit Recht zu
den schönsten Büchern gezählten
Hypnerotomachia
Poliphili des Francesco

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