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Thorwaldsen. Teil des Alexanderzugs.
Marmorrelief. Kopenhagen, Thorwaldsen-Museum.
Bertel Thorwaldsen.
(1770—1844.)
VOR einer Reihe von Jahren erzählte man sich
in Kopenhagen eine Geschichte von dem Besuch
eines deutschen Bildhauers im Thorwaldsen-
Museum. Er war unausgesetzt hinter die Statuen
gegangen, um ihnen hinters Ohr zu gucken, und
das, was er dort zu sehen bekam, hatte ihn wieder
und wieder veranlasst, den Kopf zu schütteln, weil
es hinsichtlich des Studiums der Natur und ihrer
Wiedergabe unzureichend war.
Nun ja, da ist genug in Thorwaldsens Kunst,
worüber man den Kopf schütteln kann. Man
braucht nicht einmal seinen Statuen hinters Ohr zu
gucken, um zu entdecken, dass sie nur wenig
den Forderungen unserer Zeit an anatomische
Kenntnisse des Bildhauers genügen. Die Einzelform
ist niemals Thorwaldsens Sache gewesen. Er arbeitete
mit dem architektonisch - plastischen Ganzen vor
Augen, am liebsten in nassem Thon, der die letzte
Präzision in der Modellierung ausschliesst.
Es ist auch nicht schwer, die Begrenzung seines
Talents in anderer Hinsicht zu erkennen. Er gehörte
z. B. nicht zu den spannenden Erzählern, ihm
fehlte das Verständnis für die physische Bewegung
als Ausdruck für die Regungen des Gemüts. Er
legte wenig Gewicht auf den Gestus, noch weniger
auf die Mimik. Er hatte sich weit mehr eingelebt
in, eine ideale Welt der Plastik mit schönen Linien
als in die wirkliche Welt, in der das Leben und
seine Leidenschaften jeden Augenblick die Linien in
Unruhe bringen.
Auch rein technisch hatte sein Talent eine enge
und scharfe Begrenzung. Er gestaltete plastisch ohne
allen Sinn für malerische Wirkung. Er war in seinem
Verhältnis zu dem Malerischen der Gegensatz von
Rodin, wie er in seinem Verhältnis zu dem Menschlichen
den entgegengesetzten Pol zu Michelangelo
bildete.
Seine reine Bildhauerkunst ist nicht mehr modern.
Freilich wird er insofern nirgends unterschätzt, als
die Kunstgeschichte in allen Ländern mit ihm rechnet.
Aber sie erstreckt ihre Anerkennung für ihn durch-
gehends nicht weiter, als dass sie ihm wieder und
wieder einen und denselben Platz in der Geschichte
anweist. Man studiert seine Kunst wohl noch, aber
man erkennt sie nur als Ausdruck für seine Zeit an,
ohne zu versuchen, sie als Ausdruck seiner Subjektivität
zu erfassen. Darin erkennt man ein wenig
die Nemesis, die Rächerin seiner künstlerischen Begrenzung
. Denn Thorwaldsen hatte in weit höherem
Masse das Streben, ein plastischer Dolmetscher der
Zeit, ihrer Träume, ihrer Gedanken und ihrer Gefühle
zu sein, als es bei jenen Künstlern der Fall ist, die
mit mächtiger, willensstarker Subjektivität die Mitwelt
suggestionieren und ein willenloses Medium
aus ihr machen. Es gehen in der Regel harte
Kämpfe voraus, ehe solche Männer mit stark ausgeprägter
Subjektivität über die Menge siegen, und
sie erleben nicht allemal selber den Sieg. Thorwaldsen
gelangte — wenn auch nicht schlafend —
so doch träumend zum Siege, indem e r für die Zeit
das Medium war.
Auf seinem wunderbaren Talent ruht die ganze
Mystik eines Mediums. Es gelingt kaum jemals, sie
ganz aufzuklären. Selbst der am tiefsten forschende
Seelenschilderer, der alle Verhältnisse mit in Betracht
zieht, und auf allen Wegen danach strebt, in das
Seelenleben des grossen Menschen einzudringen, steht
schliesslich etwas ewig Geheimnisvollem gegenüber.
Mit Recht haben die Menschen von Alters her dies
„Etwas" geflügelt dargestellt. Es flattert einem unter
den Händen weg, wenn man glaubt, dass man es
beinahe gefasst und erfasst hat. Es ist das Genie.
Ein Genie, gerade wie das Thorwaldsens, lässt sich
am allerschwierigsten psychologisch erklären, aber
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