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-sr4^> ARNOLD BÖCKLIN <^=^
oder Assimilierten, so dass aus geringem An-
lass mit rapider Ideenassociation ein Bild vor
seinem geistigen Auge entsteht. Das Gedächtnis
aber ist die Grundlage dessen, was
wir Phantasie nennen.
Das Arbeiten aus dem Gedächtnis bringt
es mit sich, dass der Künstler ungebunden
von den mit tausend Zufälligkeiten behafteten
Einzel- und Momenterscheinungen, frei mit
dem für ihn Wesentlichen zu schalten vermag
, mit dem, was ihm wirklichen anschaulichen
Genuss gewährte, was ihm die Eigentümlichkeit
des Moments aussprach, offenbarte.
Böcklin sagt: „Man darf absolut nichts
Unwahrscheinliches machen. So ein Münchner
macht dahinten irgendwo, um den Raum zu
füllen, als ob es sich um eine Arabeske
handle, eine Fahne, die sohin weht, und
Bänder, die andershin flattern. Und die
Schreier nach Natur finden nichts dabei."
Er ist der personifizierte künstlerische Verstand
bis in den kleinsten Strich, bis auf
den unscheinbarsten Ton, in
jeder Unterlassung nicht minder.
Dieser Verstand ist Herr der
reichsten, unermüdlich selbsterworbenen
technischen Erfahrungen
. In ihrem Kreise hält
er, an strenger Longe, den unerschöpflichen
Vorspann eines
allseitigen Gedächtnisses und die
Naturempfindung eines wahren
Künstlers.
Freuen wir uns, wenn einem
noch die Sonne ins Hirn scheint,
dass er Licht und Farbe sieht
und aufweisen will, wo für andere
nur weissliches Grau ist!
Es ist in der Kunst wie Kette
und Einschlag beides gehört
zum Gewebe die Natur und
der Mensch, der sie zu neuem
Besitz bildet. Aber begreif licher-
weise kommt alles darauf an, ob
diese Weberei bloss ein dressiertes
Können ist, wie z. B.
bei Lenbach, oder eine jedesmalige
eigenartige Anschauung.
Ich weiss den einzigen Vergleich
mit unserem Freund Gottfried
Keller, der auch sein künstlerisches
Gut in festen Händen
trägt und es blitzen lässt, wie
er will, nicht mehr und nicht arnold
weniger. Beide haben durch (Das
hellen allgegenwärtigen Verstand ihr Talent
zu etwas ungleich anderem gemacht als zu
einem blossen selbstleuchtenden Ding.
Es ist eine Freude, Böcklin jetzt (1887)
im Atelier zu sehen. Nur noch „giudizio".
Wie er so vor seinen grossen Bildern steht
und abwägt. Die letzten Dezimalstellen ausgleichen
überlegen: welche Dummheiten
muss ich stehen lassen, um Anderes, Wertvolleres
zu erreichen das ist so jetzt
seine Hauptarbeit. Die sichtbare Arbeit ist
immer im Augenblick gethan.
Es giebt da kein „das bedeutet", sondern
nur „das ist" und zwar „ist" ohne Hintergedanken
und Hineingeheimnisstes: Anschauung
für die Anschauung.
Wie ein Ringer, voll allseitig gespannter
Aufmerksamkeit, Kraft und Klugheit, packt
er seine Aufgabe, sie überall fassend, wo sie
fassbar wird während des Kampfes, jeden
blitzschnell gefühlten, neuentstehenden Vorteil
, so weit es geht, auszunutzen.
böcklin vestalin
Original im Besitz von Maximilian von Heyl in Darmstadt)
Die Kunst lllr Alle XVII.
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