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KONRAD LANGE: WAS IST KUNST? <^=u^
Die Kunst ist nach ihm ein Mittel zum
Verkehr der Menschen untereinander, ein
Mittel, durch welches räumlich und zeitlich
getrennte Menschengruppen sich in Beziehung
zu einander setzen, sich gegenseitig ihre Gefühle
mitteilen. Das ist ohne Zweifel richtig,
damit ist aber das Wesen der Kunst als solcher
nicht erschöpft. Ein Mittel der Gefühlsmit-
ELIAS REPIN BILDNIS DES GRAFEN
LEO TOLSTOJ «««««
(Münchener Glaspalast 1901)
teilung ist auch die Wissenschaft, die Religion,
der Handel, die Politik u. s. w. Unsere Predigten
, unsere Zeitungen, unsere historischen
und sozialen Bücher, unsere grossen Weltausstellungen
, unsere wissenschaftlichen Beleh-
rungs- und christlichen Erbauungsbücher vermitteln
diesen Verkehr ebenfalls. Die Gefühlsmitteilung
allein ist es also nicht, was das
Wesen der Kunst ausmacht, sondern wir
können in ihr nur eine ihrer Seiten erkennen
. Es bedarf folglich einer genaueren
Erklärung. Tolstoj bleibt uns diese nicht
schuldig. Er sieht das Wesen der Kunst in
dem Nachempfinden der Gefühle. „Die Thätig-
keit der Kunst beruht darauf, dass der Mensch,
indem er durch das Ohr oder das Auge den
Ausdruck der Gefühle eines anderen wahrnimmt
, diese Gefühle nachzuempfinden vermag
." „Die Kunst fängt da an, wo ein
Mensch, um anderen Menschen das von ihm
erfahrene Gefühl mitzuteilen, dasselbe wieder
in sich erzeugt und es durch gewisse äussere
Zeichen zum Ausdruck bringt." Der Geniessende
muss von dem Künstler angesteckt,
zum Miterleben gezwungen werden. Dabei
kommt es auf die Art der Gefühle von vornherein
nicht an. „Die verschiedenartigsten Gefühle
, sehr starke sowie sehr schwache, sehr
bedeutende sowie sehr nichtige, sehr gute sowie
sehr schlechte, bilden den Gegenstand der Kunst,
sobald sie nur auf den Zuhörer, den Leser oder
Zuschauer ansteckend wirken."
Damit hat Tolstoj das Richtige getroffen. Es
kommt nicht auf den Inhalt als solchen, sondern
auf die Art an, wie dieser Inhalt mitgeteilt
wird, auf die Kraft der Suggestion, mit
der er dem Geniessenden aufgedrängt wird.
Die Inhaltsästhetik, die das Bedeutungsvolle,
das ethisch Befriedigende, den sittlichen und
Wahrheitsgehalt für das Ausschlaggebende in
der Kunst hält, ist niemals treffender widerlegt
worden als durch diesen Satz. Aus ihm
spricht der grosse Dichter, der in seinen
Romanen das ganze Leben umfasst, den Leser
auf die höchsten Höhen zu heben und in die
tiefsten Tiefen hinabzuschleudern weiss, der
ihn innerlich jauchzen lassen und in tiefe
Trauer versetzen kann, der das Schöne und
das Hässliche, das Grosse und das Kleine,
das Erhabene und das Anmutige mit derselben
Anschaulichkeit und Kraft vor Augen führt.
Und wie erhaben ist die Aufgabe, die er
damit der Kunst zuweist! Der Künstler soll
das Gefühl, das er einmal empfunden hat, in
sich wieder hervorzurufen wissen und nachdem
er es hervorgerufen hat, mit Hilfe von Bewegungen
, Linien, Farben, Tönen oder Worten
in anderen ebenfalls erzeugen. Danach ist die
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