Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 60
(PDF, 174 MB)
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KONRAD LANGE: WAS IST KUNST?

BASIL PURVIT MÄRZABEND

(VIII. Internationale Kunstausstellung, Münchener Glaspalast 1901)

dammung der klassischen Kunst, wo in einem
Atem mit den modernen Dekadents die grossen
Künstler der Vergangenheit, Homer, Sophokles,
Shakespeare, Goethe, Bach, Beethoven auf der
Anklagebank erscheinen.

Man greift sich verwundert an den Kopf
und fragt sich, ob man recht gelesen hat.
Man hat das Gefühl, als wenn man es mit
zwei verschiedenen Menschen zu thun hätte,
die da ihre Ueberzeugungen zum Besten
geben. Wie ist es möglich, dass derselbe
Mann in einem Atem behaupten kann, es
käme auf die Art der Gefühle nicht an, und
die Kunst dürfe nur die höchsten und besten
Gefühle der Menschenseele überliefern?

Die Erklärung ist sehr einfach. Sie ergiebt
sich daraus, dass in Tolstoj thatsächlich zwei,
oderbessergesagt,drei Menschen stecken, nämlich
der grosse Dichter, der soziale Schwärmer
und der religiöse Asket. Das erste Buch hat
der grosse Dichter geschrieben, das zweite
der Schwärmer und Asket. Aber gerade
dieser Irrweg Tolstojs ist für uns lehrreich.
Er zeigt uns, wohin man kommt, wenn man
das Wesen der Kunst in ihrem Inhalt erkennt.
Denn Tolstoj der Asket hat vor den anderen
Inhaltsästhetikern jedenfalls den einen

grossen Vorzug der Konsequenz. Er denkt
seine Gedanken zu Ende. Er hat nun einmal
- - infolge seiner letzten religiös-sozialen
Wendung - die Idee, dass die Kunst nur
religiöse, dem Volke verständliche Gefühle
darstellen dürfe und er ist stark genug, daraus
die nötigen Folgerungen zu ziehen. Mit
einem dicken Federstrich streicht er die ganze
Kunstentwicklung von der Renaissance bis zur
Gegenwart — mit wenigen Ausnahmen — durch.
Wie einer jener Hunnen- oder Tartarenführer,
die in ferner Vergangenheit, vielleicht seine
Vorfahren, ihre Raubzüge nach dem Westen
machten, vernichtet er die Kultur Europas.
Hohnlachend lässt er die Hufe seiner asiatischen
Steppenrosse über die Blüten der
europäischen Kunst hinwegstampfen. Ein
barbarisches heiseres Lachen - - und auf dem
weiten Felde ist alles leer und öde, nur ein
riesiges schwarzes Kreuz ragt auf einsamem
Hügel empor.

Unsere modernen Inhaltsästhetiker fassen
die Sache sanfter an. Sie sagen nicht: „Hier
stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe
mir!", sondern: „Hier stehe ich, ich kann
auch anders, Gott helfe mir." Sie geben
zwar zu, dass die Kunst auch hässliche Ge-

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