Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 61
(PDF, 174 MB)
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-*-s^> KONRAD LANGE: WAS IST KUNST? <^=^

fühle, niederdrückende Vorstellungen, traurige
Ereignisse darstellen dürfe. Aber doch nur
bis zu einem gewissen Grade. Und sie
schlagen den Lustwert solcher Kunstwerke
ziemlich gering an gegenüber denjenigen
Kunstwerken, die „das Schöne", d. h. schöne
Menschen, frohe Ereignisse, befriedigende
Vorstellungen wiedergeben. Sie verwahren
sich dagegen, dass die Kunst moralisch und
religiös sein müsse, aber sie schaffen sich im
„Ethischen", d. h. in dem, was sie darunter
verstehen, einen inhaltlichen Gummibegriff,
unter den sie nach Belieben alles rubrizieren
können, was sie vom Inhalt eines Kunstwerkes
verlangen. Sie geben sich die grösste
Mühe, das zu analysieren, was Tolstoj das
„Angestecktwerden" nennt, indem sie ganz
richtig fühlen, dass hier die Lösung des
Rätsels liegt, aber daneben zerbrechen sie
sich wieder den Kopf darüber, wie z. B. das
Tragische inhaltlich gestaltet sein müsse, um
zu ergreifen. Sie vergöttern ganz mechanisch
alle die grossen Künstler, die der Schnitter
Tolstoj von der Erde wegmähen, aus dem
Boden der Menschheit herausreissen möchte,

aber sie machen sich nicht klar, dass der
Inhalt der Werke dieser Geistesheroen sehr
häufig den Beweis dafür liefert, dass der
Lustwert der Kunst nicht in ihrem Inhalt,
sondern vielmehr in ihrer Illusionskraft liegt.

Und keiner kommt auf den Gedanken, sich
zu sagen, dass der Inhalt der Kunst natürlich
von der Lebensauffassung des Künstlers abhängt
und dass noch kein Mensch auf der
Welt im stände gewesen ist, eine für alle
Zeiten und alle Menschen gültige Lebensauffassung
zu schaffen. Dass also auch die
Aesthetik ihre Gesetze nicht auf diese schwankende
Lebensauffassung, nicht auf den ewig
wechselnden Inhalt der Kunst gründen kann,
sondern nur auf die Art, wie der Künstler
diesen Inhalt formuliert, d. h. anderen mitteilt
.

Und damit kommen wir wieder auf den
Kern des Problems zurück, nämlich das, was
Tolstoj das Angestecktwerden nennt. Dieses
Angestecktwerden ist nichts anderes als die
künstlerische Illusion. Schon seit Jahrzehnten
bemüht sich die deutsche Aesthetik, das Wesen
dieser Illusion, ohne dass sie es selber recht

CARL MOLL

INTERIEUR

(VIII. Internationale Kunstausstellung, Mänchener Glaspalast 1901)

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