Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 62
(PDF, 174 MB)
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KONRAD LANGE: WAS IST KUNST? <^=^

wüsste, zu ergründen. Das was sie Einfühlung
, Beseelung, innere Nachahmung,
Association nennt, ist nichts anderes als
diese Illusion. Wie die Katze um den heissen
Brei, so geht sie fortwährend um diesen Begriff
herum, ohne mit seiner Analyse wirklichen
Ernst zu machen. Und doch liegt die
Sache, wie ich in meiner „bewussten Selbsttäuschung
" bewiesen habe, so einfach, einfacher
fast wie das Ei des Columbus. Die
künstlerische Illusion, das was Tolstoj ein
Nachfühlen, eine Ansteckung nennt, ist eben
nichts anderes, als eine bewusste Selbsttäuschung
, ein „Thun als ob". Das zeigt sich am
deutlichsten in der Malerei und Plastik, wo
der Genuss eben darauf beruht, dass wir die
Natur und das Leben zu sehen meinen und
doch nichts anderes sehen als eine Schöpfung
von Menschenhand. Das wahrgenommene
Bild, das wir mit unseren Augen aufnehmen,
und das Erinnerungsbild des Lebens und der
Natur, das wir in unserer Seele haben, beides
ist in unserem Bewusstsein vorhanden und
dieses gleichzeitige Vorhandensein bedingt
den ästhetischen Genuss. Beide Bilder, Wahrnehmungsbild
und Erinnerungsbild müssen in
unserem Bewusstsein getrennt bleiben, wenn
ein Kunstgenuss zu stände kommen soll.
Fielen sie zusammen, d. h. hielten wir das
Scheinbild für Wirklichkeit, so wäre es mit
dem Kunstgenuss aus. Aber beide Bilder

bleiben nicht kalt und tot nebeneinander
stehen, sondern unser Geist bringt sie in
Verbindung miteinander, wir versuchen, das
Wahrnehmungsbild zu dem Erinnerungsbild
zu steigern, ihm anzunähern, mit ihm
zu verschmelzen. Die bewusste Selbsttäuschung
ist nichts anderes als der Versuch
einer Verschmelzung von Wahrnehmungsbild
und Erinnerungsbild. Dieser Versuch darf
nicht gelingen, er muss immer Versuch
bleiben. Der Stein wird den Berg emporgewälzt
, rollt aber, oben angekommen, wieder
herab und die Arbeit beginnt von neuem.
Und ebenso wie beim Spiel der Genuss in
der Spielthätigkeit selbst nicht in irgend
einem ausserhalb befindlichen Zweck liegt,
ebenso ist auch diese Arbeit selbst, dieses
Spiel der Phantasie der Kern des Kunstgenusses
. Was für die Malerei und Plastik
gilt, gilt - - mutatis mutandis - - auch für die
anderen Künste, was ich hier nicht im einzelnen
nachweisen kann.

Diese Theorie, die dem Leser vielleicht leidlich
plausibel scheinen wird, hat für die meisten
zünftigen Aesthetiker gar nichts Ueberzeugen-
des gehabt. Da sie sie nicht widerlegen
konnten, haben sie sie zu diskreditieren versucht
. Sie bezeichnen meine Richtung als
formalistisch und wecken damit das Schreckgespenst
des älteren Formalismus wieder auf,
mit dem die Illusionsästhetik nichts gemein


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