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-3-£^> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^=^
feurigen Töne des herbstlichen Laubes zu einer
weichen, tiefen Harmonie gestimmt, wie er überhaupt
das weitausgespannte Stück Welt als eine
Einheit zusammengefasst hat, dabei fast den Eindruck
von Lebensgrösse erreichend, das macht und
malt ihm so leicht keiner nach. Hut ab vor dieser
zähen Willenskraft! Adolf Münzers Pariser Bild mit
den vielen Kindern und Kindermädchen, Nou-Nou's
und Backfischchen zeigt ein stupendes Können; als
feiner moderner Zeichner von Frauen und Kindern
wird Münzer heute kaum von einem, selbst von
Steinlen nicht überboten. Georgi hat ein Dreiflügelbild
aus dem Bauernleben gemalt, »Saure
Wochen, frohe Feste«. Die schmalen Seitenbilder
der »sauern Wochen«, an poetischem Stimmungsgehalt
reiche Arbeitsschilderungen sind wohl gelungen
; das Mittelstück mit der Tanzbodenscene
lässt zeichnerisch doch wohl manches zu wünschen
übrig, wenn auch die Typen gut getroffen sind.
carl larsson selbstbildnis
(Münchener Glaspalast 1901)
Weises Damenbildnis ist von echter Eleganz der Auffassung
und gemalt wie ein guter »Schotte«, Voigts
Bauernbilder sind Proben ehrlicher und bodenständiger
Kunst. Die Liebe zur Heimatscholle, zum
deutschen Wald und Ackerboden spürt man wirklich
als treibende Kraft in allen diesen Bildern. F. v. O.
BASEL. Durch die »Kunstkommission« ist soeben
F. Hodler's Bild »Die Schlacht bei Näfels«
(abgebildet auf S. 374 des XVI. Jahrg. der »K. f. A.<)
für das Basler Museum erworben worden. Präsident
der genannten Kommission ist, in Ersetzung des
nach Berlin berufenen Kunsthistorikers Professor
H. Wölfflin, Dr. Daniel Burckhardt-Werthemann;
auchWölfflins Nachfolger, Prof. Dr. H. Alfred Schmid,
der Böcklin-Biograph, gehört der Kommission an,
welcher die Obsorge für die Basler Galerie mit
ihren bedeutenden Holbein- und Böcklin-Schätzen
übertragen ist. — Hodlers Bild ist einstweilen noch
in der gegenwärtig in Basel weilenden »Turnus-
Ausstellung des schweizerischen Kunstvereins« zu
sehen. Es ist nicht der einzige »Hodler« derselben;
ein zweites Bild des eigenartigen Schweizer Künstlers
heisst »Der Frühling« und stellt einen Knaben und
ein Mädchen dar, die in einer Landschaft knieen,
das Mädchen bekleidet, in Hellblau, der Knabe nackt.
Auch dieses (a. S. 71 abgebildete) Werk verzichtet, wie
das bei Hodler immer der Fall ist, auf »Schönheit« im
gewöhnlichen Sinne, das heisst auf Süsse und Gefälligkeit
. Hart und energisch sind die Formen herausgearbeitet
, ja sie sind an die Grenze des anatomisch
Möglichen geführt; die Farben sind ungemein kräftig,
besonders ausgeprägt in der Modellierung des Knaben.
Auf eine ähnlich einfache Formel wie Gestalten und
Kolorit ist der Stimmungsausdruck der zwei Figuren
gebracht: ein staunendes Erwachen aus dem Kindheitsschlafe
zum Bewusstsein der ersten Liebe, des
Frühlings im Menschenleben. Die umgebende Natur
ist durch eine Wiese mit weissen grossen Gesteinflecken
und fast regelmässig aufgesetzten gelben
Blumen charakterisiert. Das Bild erregt heftige Diskussionen
: die Anhänger des Alten, d. h. die meisten,
verlachen es als eine Verirrung; die Wenigen, welche
jede grosse Kunstäusserung zu verstehen suchen,
sehen darin die machtvolle Regung einer auf das
Schlichteste, Essentiellste der Empfindung und
des künstlerischen Schauens dringenden bedeutenden
Schöpferkraft; und wir glauben, die Zukunft
wird dieser Minorität Recht geben. Was der »Turnus
« sonst bietet, ist vielfach Dutzendware. Doch
ragen aus der Masse des Gewöhnlichen einige
Bilder tüchtig heraus. So die Landschaften von
Fritz Widmann, einem Sohne des bekannten
Berner Dichters J. V. Widmann. Sie heissen »Salbeihügel
«, »Waldthal« und »Kyburg« und sind alle
drei mit tiefem Verständnis erfasste und mit einer
seltsam ergreifenden Wucht dargestellte Ausschnitte
aus der Natur. Widmanns Vortrag erinnert an beste
Landschafter unter den Secessionisten ; doch scheint
er jeder »Schule« fernzustehen und temperament-
und zugleich talentvoll einzig das darzustellen, was
er persönlich vor der Natur erlebt. Sonst sind Werke
von O. Gampert »Gewitterstimmung am Bodensee
«, W. L. Lehmann »Neuschnee«, C. Th. Meyer-
Basel »Herbstabend«, J. L. Odier »Höhen von
Savieze«, J. Ruch »Senne nach der Arbeit« Bilder,
welche der Ausstellung Wert verleihen. Die drei
erst genannten Künstler (Gampert, Lehmann und
Meyer-Basel) arbeiten in München und sind ihren
Eigenarten nach bekannt; Odier, ein Genfer, hat
eine nobel dekorative, aber keineswegs oberflächliche
Darstellungsweise; Ruch malt in Paris, ist
aber in seinen Alpen- und Aelplerdarstellungen
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