http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0112
•sr4^> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <ös^
Tagen eine Kollektivausstellung gebracht hat, ist
Rudolf Ber^ny, ein Schüler von Munkacsy, der
seit einigen Jahren hier ansässig war, nun aber
Frankfurt verlassen wird, um sich in Berlin ein
neues Feld der Thätigkeit zu erobern. Die in
einem gewählten »altmeisterlichen« Tone gehaltenen
Studien und Bildnisköpfe des Künstlers bekunden
ein ungewöhnliches technisches Geschick neben
einer speziellen Begabung für das Bildnisfach, in
welchem Gebiet das lebensgrosse Porträt des Kapellmeisters
Dr. Rottenberg als eine ganz ausgezeichnete
Leistung hervorgehoben zu werden verdient. ^
DERLIN. Noch immer entwickeln die Ausstel-
lungen in den verschiedenen Kunstsalons wenig
Anziehungskraft. Im Künstlerhause ist man nun
noch gar auf den unglücklichen Gedanken gekommen,
das überlebte Genre der grossen Spektakelstücke im
Stil Pilotys und Munkacsys in Gestalt eines riesigen
Triptychons von Arpad Feszty »Christi Begräbnis
« wieder in Betrieb zu setzen. Mit dem
Gegenteil von Erfolg natürlich; denn nur der rückständigste
Teil des Publikums fühlt sich von der
äusserlichen Theatralik, mit der hier Kreuzigung,
Grablegung und Trauer am Grabe gegeben sind,
nicht abgestossen. Genau wie bei Munkacsy wird
die Aufmerksamkeit des Beschauers durch eine Fülle
von Nebenpersonen von dem Gegenstande selbst
abgezogen; nur war der verstorbene ungarische
Meister ein wesentlich besserer Maler als sein
Landsmann. Das übrige in dieser Ausstellung ist
mit wenigen Ausnahmen recht gleichgültig. Zu
diesen Ausnahmen gehört vor allem eine Landschaft
von Wilh. Trübner, das »Kloster Frauenwörth«
K. BORSDORF BLUMENVASE
(Wiener Hagenbund) (Fayence)
darstellend, dessen von einer Mauer umschlossene
Gebäude man durch die Zweige einer mächtigen
Platane im hellen Glanz der Sommersonne liegen
sieht. Man wird dieses ausgezeichnete, frische,
farbige Werk zu Trübners allerbesten Leistungen
rechnen können. Auch zwei Kürassierstudien von
ihm fesseln durch ihre malerische Kraft. Von
Joh. Sperl, Hans Busse, Urban, Hayek, Kampmann
und Bössenroth sieht man gute Landschaften
. Ein be erkenswert schönes Werk ist die
Doppelbüste zweier Knaben von Brütt, sehr fein
im Ausdruck und gar nicht prätentiös, was solche
Arbeiten leicht zu sein pflegen. Einen Missgriff
haben auch Keller & Reiner gethan. Sie Hessen
sich bewegen, das ganze Oeuvre eines jungen französischen
Malers Gaston Guillaume Roger vorzufahren
, der sich damit nur als ein geschickter
Fabrikant, als ein Nachahmer besserer Vorbilder
legitimiert. Besonders hat es ihm Cottet angethan.
Er malt mit dessen tiefgestimmten Farben Fischerdörfchen
, Häfen mit grünen Fischerbooten, weissen
Pieren und dunkelblauem Wasser, Leute und
Kinder, die in den Dörfern und an den Häfen
zu Hause sind. Dutzendweise kehren dieselben
Motive wieder, die schliesslich in einem grossen
Bilde von recht starker dekorativer Wirkung »Abfahrt
zur Prozession« — man sieht eine bretonische
Fischerfamilie beim ersten Scheine der Morgensonne
in ihrem Boote in einen Kanal einlenken -
gesammelt erscheinen. Daneben findet man bezeichnender
Weise süsslich hübsche Mädchenköpfe
und girrende Seladons, Machwerke, in denen La
Touche's reiche Farben und effektvolle Beleuchtungen
im Cafehausgeschmack trivialisiert werden. Ausserdem
ist auch das von der Pariser Weltausstellung
her bekannte Triptychon Rogers »Le Baiser- hier
vorhanden, in dem Pierrot als unschuldiger Jüngling,
von Feen gefoppter Verliebter und als Enttäuschter
mit den dünnen Farben neurasthenischer Symbolisten
dargestellt ist. Vielseitigkeit von dieser
Art ist gleichbedeutend mit Mangel an Persönlichkeit
und ohne diese giebt es keinen grossen Künstler.
Auch J. Bossart, eine Neuentdeckung des Salons,
vermag nicht zu imponieren. Der junge Berliner
soll bis vor zwei Jahren Töpfer gewesen sein und
möchte jetzt schon die Welt überzeugen, dass ein
zweiter Michelangelo in ihm steckt. Einstweilen
aber erscheint er dem nüchternen Beobachter nur
als ein strebsamer junger Mann, der aus allerlei
Renaissancemotiven bemalte Hochreliefs zusammenstellt
und sich zu einem Cyklus von Federzeichnungen
»Die Tragödie des Daseins« durch Arbeiten
von Klinger und dem schwächlichen Franz Stassen
begeistern Hess. Dieser Versuch, sich gleich beim
ersten Erscheinen vor der Oeffentlichkeit als »denkender
Künstler« zu zeigen, könnte bedenklich
machen für die Zukunft Bossarts. Mit ein paar hübschen
Arbeiten in Gres gewinnt sich M. HöTGER
wenigstens einigen Beifall. — Auch die letzte Vorführung
in Ed. Schuttes Kunstsalon wäre ziemlich
uninteressant, wenn sie nicht zwei von dem chilenischen
Gesandten in Berlin hergeliehene, von namhaften
Künstlern gemalte Familienporträts enthielte.
Das wertvollste und feinste, Mdme. Subercaseaux darstellend
, rührt von John S. Sargent her und ist 1880
gemalt, zu einer Zeit, da der vierundzwanzigjährige
Amerikaner noch danach trachtete, Carolus-Duran
ähnlich zu werden. Aber auch Manets Einfluss ist
unverkennbar. Die schöne junge Frau sitzt in ihrem
helltapezierten Boudoir, in dem ein türkisblauer, rotornamentierter
Teppich liegt und in einem blauen
Majolikakübel ein Pflanzenarrangement aufgestellt ist,
in einem weissen, mit schwarzen Spitzen dekorierten
94
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0112