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-srS£> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN
Hintergrund gar nicht zurück. Aberweich ein feines
koloristisches Empfinden und welch ein Gefühl für
die flüchtigsten Schönheiten der Erscheinungen und
besonders die des Weibes. Für all das, was den
Mann am Weibe entzückt, für jede Nuance ihres
Reizes, für jeden Ausdruck ihres Wesens hat Renoir
einen unendlich scharfen Blick. Ihr Körper, ihre
Bewegungen, ihre Miene, der Glanz ihrer Augen,
der matte Schimmer ihrer Haut, all das giebt dem
Künstler Gelegenheit eigene Entdeckungen zu
machen. Ihm ist nichts fremd, was weibliche Anmut
heisst; ein Kind
im kurzen Kleidchen
findet in ihm einen
ebenso liebevollen
Schilderer, wie die
üppige Berufsschönheit
. Oft zeigt er das
Banalste; aber die
Feinheiten seiner
künstlerischen Absichten
stellen stets
das Gleichgewicht
wieder her, und nicht
selten wirkt er durch
die Art, wie er schildert
, höchst poetisch.
Renoirs Arbeiten sind
ungleichwertig. Bilder
wie die »Loge«, die
»Tänzerin«, dann besonders
das Bildnis
der kleinen Durand-
Ruel und die »Femme
au chat« müssen unvergleichlich
genannt
werden; andere wie
die »Canotiers« sind
nur in Einzelheiten
zu geniessen und zu
schätzen. Zuweilen
ist für den deutschen
Geschmack die Süs-
sigkeit der Farbe unerträglich
; aber niemals
bleibt der Eindruck
aus, dass man
eine Persönlichkeit
vor sich, einen bedeutenden
Künstler in
Renoir zu verehren
hat. Mit den vibrierenden
, abgestimmten
Farben des Franzosen
sind in dieser
Ausstellung die lebhaften
, hellen und
lauten in Konkurrenz gebracht, mit denen Max
Slevogt Freilichtstudien von Papageien, Löwen,
Tigern, Panthern und Schimpansen im Frankfurter
Zoologischen Garten gemalt hat. Der deutsche
Künstler fesselt durch Frische und ist sehr glücklich
in seinen Beobachtungen von charakteristischen
Bewegungen der Tiere. Eindringlicher als in diesen
naturgemäss im Fluge entstandenen Impressionen
wirkt er in einigen Stilleben mit antiken, schillernden
Fläschchen und mehreren Landschaften, in denen
seine ausserordentliche koloristische Begabung, sein
malerisches Können und sein sicherer Geschmack
aufs vorteilhafteste zur Geltung kommen. Sehr grosse
Bewunderung erregen einige ältere Schöpfungen von
Wilh.Trübner, meistens Bildnisse. Sie liefern einen
schönen Beweis dafür, dass es Anfang der siebziger
Fig. 28. JAPANISCHE NIPPSACHE (O KIMONO)
einen Sennin darstellend. Holzschnitzerei
Jahre in Deutschland eine nicht weniger grosse Kunst
gab als in Frankreich. Sie stehen den Porträts von
Monet und Renoir, die in der Berliner Secessions-
Ausstellung soviel Aufsehen erregten, künstlerisch
mindestens ebenbürtig gegenüber. Dass man dergleichen
in Deutschland zur Zeit der Entstehung nicht zu
schätzen wusste, ist ein Unglück für die deutsche Kunst
gewesen. Es giebt, mit Ausnahme des Porträts der
Gräfin Treuberg, kaum ein Bildnis Leibis aus jener
Zeit, das Trübners »Dame in Grau« vor einem dunklen
Hintergrund übertreffen möchte. Welche Vornehmheit
der Auffassung,
welche grosszügige
Malerei ! Von fabelhafter
Wirkung über
dem aparten Grau das
helle Gesicht der Dargestellten
, die gerade
aufgerichtet in einem
Stuhl sitzt und deren
Hände das schönste
Stück Malerei sind,
das man sehen kann.
Eine andere Dame in
Pelz und der ganz en
face gegebene Kopf
einer hellen, fleischigen
Blondine verdienen
nicht minder Anerkennung
. Das ist
die Kunst, die bleibt,
wofürman in Deutschland
immer erst recht
spät Empfindung zeigt,
denn auch diese nicht
hoch genug zu schätzenden
Schöpfungen
gehören noch keiner
Galerie. Ein Meisterstück
ist aber auch
der hier ausgestellte,
vor kurzem erst aus
Amerika zurückgelangte
liebermann,
eine »Amsterdamer
Kleinkinderschule«.
Sie mag 1879 gemalt
sein. Der Künstler
hat jetzt eine andere,
feinere malerische
Anschauung; aber
im Sinne der hier vertretenen
wird man in
der ganzen deutschen
Genremalerei kein
besser gemaltes und
richtiger empfundenes
Werk finden als diese Stube voll hübscher,
saubergekleideter, kindlicher Kinder, die unter
Aufsicht einer alten Person schwatzen, spielen und
essen. Da ist weder die Absicht, das Publikum
durch gesuchte Niedlichkeiten anzuziehen, noch das
Modell zu spüren, wohl aber die erfreulichste Wirklichkeit
, die höher steht denn aller Witz und alles
Künstliche. Neben solchen starken Werken starker
Künstler haben drei hier vorhandene Bilder von
dem feinsinnigen Eugene Carriere einen schweren
Stand. Am Ende wirkt seine nebulose Manier, soviel
mystischen und trotz ihrer Farblosigkeit malerischen
Reiz sie auch entwickelt, stärker als der
ästhetische Genuss, den die dahinter verborgene
Empfindung bereitet. Man sehnt sich zuweilen auch
nach einem lauten Wort. Carriere überrascht mit
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