Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 126
(PDF, 174 MB)
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-sr^ö- DER IMPRESSIONISMUS UND SEIN AUSGANG <^£=^

Wie im Tonwert und in der Farbe wurde
durch die weiteren Konsequenzen des Impressionismus
auch die Linie von der Natur
entfernt. Schon von Anfang an stand er
mit ihr auf gespanntem Fuss. Was die
frühere Malerei unter Linie verstanden hatte,
der betonten Kontur, die Gestalten und
Dinge aus ihrer Umgebung sonderte, das
sollte am liebsten ganz abgethan sein. Die

JACOB ALBERTS STUDIENKOPF AUS

WESTERHEVER«««

aufgelöste Form war Trumpf, und sichtbare
Grenzen sollte es für farbige Flächen
gar nicht geben. Nun mag man es nennen,
wie man will, es kann doch niemand ableugnen
, dass durch das Zusammentreffen
verschieden gefärbter Flächen, besonders wo
das Licht sie deutlich von einander sondert,
eine bestimmte Trennung entsteht, und dass,
wo solche Flächen nebeneinander herlaufen,
das Auge den Eindruck einer Linie erhält.
Höchstens dass die Linien des Impressionismus
häufiger unterbrochen sind, als man
sie sonst gewohnt war. Noch einmal - wie
Degas die Gliedmassen seiner Tänzerinnengruppen
über die Leinwand führt, das giebt
Linie so gut, wie eine Komposition Raffaels.
Nur dass der Impressionismus einen Unterschied
macht zwischen den Punkten, auf
welche er die Aufmerksamkeit lenken will,
die er darum mit dem vielsagendsten Kontur
auszeichnet, und dem Gleichgültigen, das er
durch Verschweigen unscheinbar macht. So
wird bei Degas durch unerhörte Intimität
des Details an den Kapitalpunkten das Organische
einer Bewegung oder eine Miene
über allen Zweifel erhoben und dann wieder,
wo es ein Durcheinander von Stellungen
giebt, die Klarheit der Erscheinung verwirrt,
damit man im Bilde nicht mehr erkenne, als
die gehäufte Bewegung in der Natur dem
Auge zu verraten pflegt. Es sind andere
Linien, die der Blick aus dem schnellen
Wechsel der bewegten Massen heraussondert,
als er im ruhigen Anschauen, eines Einzeldinges
erfasst. Die Konturen sind an solchen
Stellen einfacher, unbezeichnender. Sie
geben sich nur nach den Hauptrichtungen,
nach „grade" oder „geschwungen" zu erkennen
und lösen das viele Hin und Her
von sich, das sie einzeln charakterisiert,
wenn jede für sich dem Auge Rede steht.
Desto nachdrücklicher wird dafür der Blick
nach dem Punkte gezogen, wo grade die
Entscheidung im Kampf der Linien fallen
soll, wenn aus all den abgekürzten, verschleierten
, zurückgehaltenen Zügen der
wichtigste, wie in bengalische Beleuchtung
gerückt, aus allem Durcheinander sieghaft
hervorleuchtet.

(Der Schluss folgt im nächsten Hefte)

APHORISMEN

Es giebt eine künstliche Kunst. Sie wird geübt
und geliebt von denen, die das Verhältnis von Natur
und Kunst zu einander missverstehen.

Bewunderer, die den Künstler nur halb versteht!,
können ihm sehr unbequem werden.

Verständnis für die Künstler hat allein, wer voll
feineren Empfindens im Künstler zugleich den
Menschen und im Menschen den Künstler mit ihren
Seelenbedürfnissen zu würdigen vermag.

Die Kunst will gefühlt und beurteilt, nicht beurteilt
und gefühlt werden.

Aus „Greift nur hinein . . . ."
Neue Aphorismen von Georg von Oertzen
(Heidelberg, Carl Winters Univ.-Buchhdlg.)

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