Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 155
(PDF, 174 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0177
-*-^> DER IMPRESSIONISMUS UND SEIN AUSGANG

zum Teil widersprechenden Zügen. Aus
diesem Reichtum wählt das dekorative Porträt
einen einzigen Zug, der sich auf der
Leinwand in einer angenehmen Erscheinung
ausdrücken wird, und es macht sich obendrein
aus dieser Willkür eine Tugend. Das
Antlitz, das sich zu menschlich an den Verstand
wenden, die Gestalt, welche zu körperhaft
dem Auge entgegen kommen würde,
beide zerstörten sie ja die Einheit der
Fläche, auf der
den Kleidern und
dem Schmuck
dem Hintergrund
und dem Teppich
dieselben Rechte
zuerteilt worden
sind wie dem
Menschenantlitz.
Und das darf
nicht sein, das
Bild würde ja
sonst „ein Loch
in die Wand
reissen", wie die
Rede geht. Es
könnte den Blick
zwingen, zu ihm
zurückzukehren
und sich zu vertiefen
, wo er doch
nichts sucht als
ein Ausruhen in
müdem Wohlgefallen
. Wie wohl
kommende Jahrhunderte
überdie
Menschen unseres
Zeitalters urteilen
würden,
wenn sie sie nur
in den Bildnissen
der Besnard,
Lavery, Sargent

und Alexander aus den letzten fünf oder
sechs Jahren kennen lernten. Sollten diese
Männer und Frauen ihnen nicht erscheinen
als wenig differenzierte Wesen ohne viel
Temperament mit etwas schmachtender Eleganz
als vorherrschendem Zug? Mich dünkt,
schon dies eine diskrete Rot der Lippen,
das in all diesen Bildern wiederkehrt, sollte
dann zu einigem Zweifel an der Treue dieser
Porträts Anlass geben. Aber dann wird noch
die Photographie da sein, um diese einseitige
Auffassung Lügen zu strafen und
von der Verschiedenartigkeit unserer Zeitgenossen
Zeugnis abzulegen.

JOHN LAVERY

Wenn das schon beim Bildnis also aussieht
, wie soll es dann um jede andere Art
von Malerei beschaffen sein, deren Abhängigkeitsverhältnis
von der Natur selbstverständlich
ein loseres ist. So muss denn auch die
Bedeutung der Technik für die Kunst über
das Mass wachsen. Sie bleibt nicht Mittel
zum Zweck, sondern sie wird zum Mittelpunkt
eines eigenen Kultus gemacht. Wo
so begehrliche Augen ihre Feste feiern, da

soll jeder Pinselstrich
ein köstliches
Gericht
sein und jedes
Fleckchen Farbe
ein lieblicher
Wohlgeruch. Daher
dieses unnatürliche
Greifen
und Suchen
nach einer neuen
Art, die Farben
zu zerpflücken
und nach einer

geistreicheren
Gymnastik des
Pinsels, für die
nicht die Zeit
übrig bliebe bei
einem treuen
Aufspüren aller
immer neuen
Schönheit der
Natur. Statt
dessen ist, das
muss wiederholt
werden, in dieser
Art von Kunst
eine gewisse
Furcht vor der
Natur, welche
mit der gemessenen
Kraft ihrer
Farben, mit der
Mannigfaltigkeit ihrer Formfeinheiten und mit
dem reichen Quell ihrer Gefühlsanregungen
von der „Delikatesse" fortführen könnte.

Das Einsehen und Irren, dies Vorwärtsschreiten
und Straucheln des Impressionismus
hat die deutsche Kunst bisher im Gefolge
der französischen getreulich mitgemacht. Sie
hat sich über die dabei eingebrachten Ernten
nicht zu beklagen gehabt. Sie wäre undankbar
, wenn sie das nicht anerkennte.
Sie lernte ihre Augen ernstlich auf das Wirkliche
zu richten, ohne den vorgefassten
Meinungen und den Einflüsterungen des Verstandes
mehr zu glauben als dem Augen-

BILDNIS

155

20*


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0177