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^£35> DER IMPRESSIONISMUS UND SEIN AUSGANG <^=^
schein, dem allein die Entscheidung in
malerischen Dingen gebührt. Sie schickte
ihren Geschmack, dem bis dahin besonders
für die Farbe noch fast jede Kultur gefehlt
hatte, in die Schule eines durch Jahrhunderte
herangebildeten Kolorismus, und sie lernte
vor allem, dass nur der Maler wahr wirkt,
der im Bilde zeigt, wie die Natur ihm erscheint
, mag sie wie auch immer beschaffen
sein.
Aber wenn diese Errungenschaften unschätzbar
waren, so ändert das nichts an
der Thatsache, dass mancher Deutsche seinem
innersten Wesen Zwang anthat, indem er
sich fremde Erkenntnisse zu eigen machte.
Man hat bei uns jahrelang Luft gemalt,
wo man sie nur irgend sehen konnte, und
manchmal auch, wo man sie, ehrlich gestanden
, nicht sah. Die natürlichen Dinge,
die so fest und entschieden auf dem Boden
stehen, und die von einer klaren Sonne
scharf und deutlich hingestellt werden,
mussten sich verschleiernde Umdeutungen
gefallen lassen. Die Nachkommen Albrecht
Dürers, deren Wesen eigentlich darauf gerichtet
war, die Gestalt in harter Eckigkeit
zu sehen, in denen es mit vernehmlicher
Stimme nach plastischer Gestaltung und
körperlich überzeugendem Leben rief, sie
bequemten sich in gläubiger Unterordnung
unter die mit Recht bewunderten Lehrer —
neben den Franzosen auch die Schotten —,
vieles zu unterdrücken und zu verschweigen,
was ihren Gestalten zu solchem Leben hätte
helfen können. Nur die Luft zu malen, galt
als die Hauptsache, das andere finde sich
schon. Und so malte man Luft! Es mag
manchem hart genug angekommen sein, die
natürliche Liebe seines Auges zu betrügen
und sich einzureden, dass es ihm sehr um
die angenehme Unklarheit zu thun sei. Denn
mit der plastischen Greifbarkeit ging gleichzeitig
etwas von dem Besten verloren, das
diesen Naturen vielleicht eben weil sie
Deutsche waren ganz besonders am
Herzen lag : Das intim Individuelle konnte
nicht gleich lebendig geschaut werden, wenn
die Sorge an erster Stelle stand, ob man auch
ein rechter Impressionist sei. Selbst Max
Liebermann, der sonst an intim beobachteten
Gestalten dem Ausdruck scharf charakteristischer
Bewegung mit aller Hingebung gehuldigt
hatte, Hess sich jahrelang all diese feinsten
Besonderheiten recht geflissentlich unterschlagen
durch atmosphärische Einflüsse und
Beleuchtungen, die er mit Fleiss aufsuchte.
Durch den Schatten oder durch die spielenden
Lichter, die mehr noch als jener die feste Form
auflösen und ihr Vorhandensein abzuleugnen
scheinen. Nun malte er Licht und Luft, der
sonst den Menschen hinzustellen begehrte.
Und was hat es wieder zu bedeuten, dass er
abermals einige Jahre später diesen Menschen
in die helle Sonne rückt? Das heisst mit deutlichen
Worten so viel als: Die deutsche Malerei
will wieder klare Form sehen, sie wagt es,
die Augen wieder ganz aufzumachen, ohne
Furcht, dass sie dadurch jene höhere Wahrheit
verfehlen werde, welche der Impressionismus
so angelegentlich suchte. Denn die
Gaben und Einsichten, die dieser zu verleihen
hat, sind inzwischen bereits unter
Dach und Fach gebracht. Man kann nun
jede Ernte in dem Wirklichen halten.
Es ist bisher noch niemand den Freilichtbedingungen
voller gerecht geworden, als
Liebermann in dem Bilde der badenden Buben
erreicht hat, das er 1900 in der Berliner Se-
cession zeigte (Abb. XV. Jahrg. S. 461). Und
mehr noch offenbart sich dies neue Begehren
in den Bildern vom letzten Sommer,
in denen alle Details, sogar fliegende Sperlinge
im Schatten des Vordergrundes, ein
aufmerksames Auge gefunden haben. Hier
ist eine neue Freude an der Bestimmtheit der
Form, die bei aller Bewegtheit fest begrenzt
und rund in die Augen fällt. Gleichzeitig
haben noch andere den Weg zurückgefunden,
nachdem sie bei den Fremden sich umgetrieben
hatten. Was anders ist es, das Ludwig
Herterich in seinem stahlgepanzerten Ulrich
von Hutten (Abb. XIV. Jahrg. H. 24) aussagte,
nämlich: dass ihm das Leben fortan kein
blosser Farbentraum, kein Auflösen der Wirklichkeit
in noch so intim gefühlte Tonwerte
wie früher, sondern ein Innewerden ist männlich
aufrechter Tüchtigkeit, dem das Eiserne
hart und das Robuste voll Blut und Mark
ist. Und ebenso liess Exter seine Farbenmystik
und malte mit ungestümem Strich
allerlei Dinge, an denen ihr Körperliches ihm
am wichtigsten war. Auch Ludwig Corinth
hatte sich einmal abgeplagt, von Rauchringen
erfüllte Stubenluft zu malen, die ihm gerade
all das verbarg, worauf sein Sinn mehr
noch als der jener anderen gerichtet war:
warmes Leben in seiner greifbaren Deutlichkeit
. Dies eifrige Mühen um ihm eigentlich
fremde Ideale ist auch bei Corinth nicht ohne
Erfolg geblieben. Es hat, was sonst brutal
und schwer bei ihm war, gemildert und es
hat auch seine Farbe, einst trüb und ohne
Seele, verklärt und gesänftigt, obwohl das
koloristische Gefühl ihm nicht so ganz Natur
ist wie die Freude an der Form, so dass
seine Farbe sich mehr in einzelnen spontanen
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