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~^s^> KUNSTLITTERATUR <^=^
Werkes nicht in seinen Abbildungen, sondern im
Text liegt, der durch Mitteilung vieler interessanter
Thatsachen und Verflechten mancher Teile aus angrenzenden
Gebieten die Materie weit interessanter
darstellt, als es sonst meist der Fall. sch-nbg.
Knackfuss, Künstler-Monographien.
(Bielefeld, Velhagen & Klasing.) Band 51, 52 u. 54:
Philipp Veit von M. Spahn (mit 92 Abbildungen
M. 3.—); Verrocchio von Hans Mackowsky
(mit 80 Abbildungen M. 3.—) und Herkomer von
Ludwig Pietsch (mit 121 Abbildungen M. 4.— ).
Es ist sehr zu begrüssen, dass die Verlagshandlung
es sich angelegen sein lässt, ihrem Unternehmen
neuerdings auch Künstler einzugliedern,
deren Schaffen bei der Allgemeinheit weniger anerkannt
ist, deren Studium jedoch einen ganz besonderen
Reiz gewährt. Zu diesen gehört auch PhilippVeit.
Wer sich in die Skizzen und Entwürfe, von denen der
diesem Künstler gewidmete Band eine gut gewählte
Anzahl enthält, vertieft, der wird in Veit einen tiefinnerlichen
, ernsten Künstler finden. M. Spahn, der
neuernannte Professor für Geschichte an der Universität
in Strassburg, hat mit Fleiss, u. a. auch aus
dem reichen noch ungehobenen Schatze, den ihm die
Familie Veits zur Verfügung stellte, alles das zusammengetragen
, was ihm für eine Biographie des
Künstlers wichtig erschien und es, vereint mit
einer Darstellung seines Schaffens, zu einer lebensvollen
Charakteristik ausgearbeitet. — In dem Ver-
rocchio-Bande hat Mackowsky die mühsamen bisherigen
Forschungen über diesen vielseitigen Künstler
der Frührenaissance durch eigene bereichert und
zu einem lebendigen Gesamtbilde nicht nur des
Meisters, sondern auch der damaligen Zeit zu-
sammengefasst. — Ludwig Pietsch konnte für den
letzten der drei genannten Bände, seinen Freund
H. Herkomer schildernd, ausgiebiges Material benutzen
, das dieser selbst ihm zur Verfügung gestellt
hatte. Herkomer ist wohl einer der vielseitig-
M. E. DICKSON BILDNIS
sten Künstler der Jetztzeit. Pietsch geht auf seine
einzelnen Werke liebevoll ein, ohne jedoch die
Schwächen einiger derselben zu verschweigen. Ein
reicher Bilderschmuck vervollständigt auch hier die
Darstellung. — Eines jedoch vermisst man immer
mehr bei diesen handlichen Bänden, nämlich das
bei dem grössten Teil derselben fehlende Register.
Bei neuen Auflagen und den weiteren Bänden wäre
die Anfügung eines solchen sehr erwünscht.
John Ruskin. Von Paul Clemen, Leipzig,
E. A. Seemann. Pr. 3 M.
In diesen, ursprünglich in der »Zeitschrift für
bildende Kunst« veröffentlichten, hier gesammelten
Aufsätzen über John Ruskin hat der wohlbekannte
rheinische Provinzial-Konservator ein von der leidenschaftlichsten
Begeisterung gezeichnetes Bild des
englischen Kunstphilosophen und -Ethikers entworfen
, der in Deutschland ja so unbegreiflich lange
ungelesen blieb und auch heute noch mehr aus
Citaten als aus seinen eigenen Büchern gekannt
wird. Die geniale Eigenart dieses widerspruchsvollsten
aller Menschen ist für jeden, dem menschlichen
Phänomen geduldig nachgehenden Leser so anziehend
, dass dieser auch bei fortwährendem Widerspruch
nie ohne Bewunderung und Belehrung bleiben
kann. Für das Verständnis der Viktoria-Epoche
bleibt die Gestalt Ruskins unentbehrlich. Wir verehren
in ihm vielleicht weniger den Lehrer als den
Propheten, der von einem tiefen Gefühl für den
erzieherischen Wert der Kultur durchglüht, rastlos
versucht hat, ihre Güter gerade den Enterbten nahe
zu bringen und im festen Glauben an die ethische
Kraft einer künstlerischen Lebensgestaltung diesem
Gedanken an tausend Stellen Durchbruch zu schaffen
suchte. Eine Prophetengestalt, die man mit Paul de
Lagarde vergleichen möchte, in der sich der sittliche
Idealismus des englischen Volkes einmal in
lebendiger Wärme zusammengeschlossen hat. Als
solcher Rufer im Streit um die höchsten Güter steht
uns Ruskin unendlich hoch; er kommt direkt hinter
Carlyle und F. W. Robertson, während er Kingsley
weit überragt. Als Herold und Wegbereiter der
Präraffaeliten dagegen wird uns Ruskin ebenso
wenig der klassische Cicerone werden wie in seiner
einseitigen Verherrlichung der Gotik und in seiner
Verhöhnung der Renaissance. Wir suchen auch
diese Phasen bei Ruskin zu verstehen, da alles bei
dem Mann interessant ist; wir begreifen namentlich
seine Präraphaeliten-Rolle aus der Kunstpolitik seiner
Zeit heraus. Aber seine Rede wird hier fast drohend,
gebieterisch; seine Worte überreden zu oft, da sie
nicht überzeugen können. Unser Urteil über die
Rossetti, Burne-Jones etc. steht heute fest; es ist
nicht dasjenige Ruskins. Auch in Venedig und
Florenz wagen wir uns auf andere Wege, als die
bestimmten Pfade, welche uns Ruskins Priesterspruch
täglich vorschreibt. Und doch geht es weder
am Dogenpalast noch in der spanischen Kapelle
zu Florenz ohne eine Auseinandersetzung mit ihm
nicht ab. — Clemen hat mit der ganzen prachtvollen
Frische und dem weiten Blick, den er überall
ausschickt, seinen Helden geschildert; hinreissend
in der Darstellung, kunstvoll in der Entwicklung
der Gestalt, stets die fernen Bezüge aufdeckend
, ein guter Kenner der englischen Geschichte
und Gegenwart — so zwingt er uns förmlich vor
Ruskin auf die Kniee, dessen edle Züge er in drei
Wiedergaben abbildet: ein Aquarell Herkomers, die
Marmorbüste von J. E. Böhm in der Ruskin Drawing
School in Oxford und die letzte Photographie, die
ihn in seinem idyllischen Heim zu Brantwood am
Conistonsee, in seinem Arbeitszimmer zeigt. P.S.
Redaktionsschluss: 23. November 1901. Ausgabe: 5. Dezember 1901.
Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schwartz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. in München, Nymphenburgerstr. 86. — Druck von Alphons Bruckmann, München.
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