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-sr4^> VON AUSSTELLUNGEN -
sehr vollständig in allen Arten und Abarten seiner
Kunst vertreten. Am grössten wirkt er in seinen
Zeichnungen. Hier ist er so klar, so einig, so bestimmt
; die unbeugsame Linie der Kontur hat
die Diamantenhärte eines Holbeinschen Striches.
Die hastig wechselnde, nach Problemen jagende
Künstlerunrast Toorops weicht der erhabenen
Schlichtheit Hodler's. Der hat sich durchgerungen.
Es wäre müssig, hier an dieser Stelle über den
Meister zu sprechen. In Wien sieht man ihn zum
erstenmal und zwar ist er mit seinen Bildern »Der
Auserwählte« und »Der Frühling« vertreten. — Die
Secession hat diesmal ihre Räume verkleinern
müssen, denn hinter den Wandverkleidungen decken
Fresko-Bilder die Mauern. Es ist die bereits zum
grössten Teil fertige Fresko-Ausstellung, welche
die Nordländer ablösen wird. Und da denkt man
unwillkürlich, wie herrlich es wäre, wenn es der
Jetztzeit vergönnt sein sollte, die Fläche der Malerei
zurückzuerobern und einen Meister wie Hodler
sich hinausschwingen sehen aus der Enge der
Rahmenkunst, um die höchste Aufgabe der dekorativen
Stileinheit zu lösen. b. Zuckerkandl
DIE IV. AUSSTELLUNG DER
BERLINER SECESSION
jPvie beschränkten Räume des Secessionshauses
*~* machen es leider zu einer Notwendigkeit, bei den
sommerlichen Ausstellungen die zeichnenden Künste
auszuschliessen. Man holt nun das in zwei Jahren
Versäumte in dieser ersten Winterausstellung nach,
hat sich aber nicht streng an den Begriff »Zeichnung
« gehalten, sondern auch Aquarelle, Pastelle,
Gouachen, Radierungen, Lithographien und sogar
plastische Entwürfe zugelassen. Dadurch ist ein
amüsanter, lebendiger Zug in die Vorführung ge-
richard bergh
XII. Aasstellung der Wiener Secession
langt, der ihr auch den Beifall des grossen Publikums
einträgt. Die ausgestellten Arbeiten lassen
sich in zwei Kategorien teilen : in gezeichnete
Studien und in Zeichnungen, die Selbstzweck sind.
Es spricht für den ausserordentlichen Aufschwung,
den die zeichnenden Künste in Deutschland genommen
, dass auf beiden Seiten an Meisterleistungen
kein Mangel herrscht. Die Zeichnungen der Maler
sind um nichts mehr künstlerischer als die der
guten Zeichner und Illustratoren; und es ist zweifellos
, dass die Illustratoren neuerdings die Maler
viel wesentlicher beeinflussen als diese sie. Als
Hauptpunkte in der Fülle von Erscheinungen, die
die sechshundertachtundsechzig Nummern zählende
Ausstellung umschliesst, können die Kollektionen
von Klinger, Liebermann, von Hofmann und die
der Künstler aus der Jugend- und Simplicissimus-
Gruppe gelten. Von Klinger findet man ausser den
schönsten Blättern aus seinen radierten Cyklen, eine
stattliche Zahl von herrlichen, vor der Natur entstandenen
, gezeichneten Studien, die gross gedachte
marmorne Büste eines Mädchens mit prachtvoll behandeltem
Haar und die nach dem Thonmodell in
Bronze gegossene Figur eines Athleten, in der man
Rodinsche Einflüsse zu spüren meint. Max Liebermann
stellt Pastelle, Kreide- und Federzeichnungen
aus, unter denen ein Interieur mit »Korbflechtern«,
»Badende Jungen«, die »Papageienallee« im Amsterdamer
Zoologischen Garten, das Bildnis eines jungen
Mädchens, dem ein Dachshund zu Füssen liegt,
ein neues Bildnis Gerhart Hauptmanns und seine
eigenartigen, unendlich malerischen Landschaftsstudien
am meisten Beifall erregen. In der Kollektion
Ludwig von Hofmann's giebt es eine Fülle
von seinen in ihrer Schlichtheit entzückenden Studien
zu Frauen- und Kindergestalten und Skizzen zu
Bildern, die durch ihre Anmut und ihren Phantasienreichtum
all die Bewunderung wieder heraufbeschwören
, die der Künstler in den ersten Elfer-Ausstellungen
geerntet. Von den vorzüglichen
Münchner Zeichnern fehlt keiner. Th.
Th. Heine, Strathmann, Münzer,
Feldbauer, Georgi, Diez, Thöny,
Wilke, Rossmann, Jank, Kirchner
u. a. sind mit ihren besten Arbeiten
vertreten. Aber auch Berlin schneidet
sehr günstig ab. Vor allen andern wäre
die männlich geniale Käthe Kollwitz
zu nennen, die Radierungen,
Dreifarbendrucke und ganz ausserordentlich
ernste Studien zu Frauen aus
dem Volke und zu dem Blatt »Carmag-
nole« ausstellt. Als neue Erscheinungen
fallen Heinrich Zille mit einer Reihe
von ebenso realistisch wirksamen wie
humorvollen farbigen Zeichnungen »Aus
dem dunklen Berlin« und einem höchst
drastischen »Frühlingsmaler«, ferner
Gustava Haeger mit sehr einfachen,
energischen, sicheren Zeichnungen,
Oscar Moll mit feinen Landschaften
in Gouache, Alfred Mohrbutter
mit pasteliierten Porträts höchst angenehm
auf. Daneben haben Baluschek,
Martin Brandenburg, Skarbina,
Otto H. Engel, Frenzel, Leisti-
kow, Alberts, Slevogt, Corinth,
Franck und besonders Ulrich Hübner
, der sich in sehr bemerkenswerter
Weise als Landschafter und Maler des
grosstädtischen Strassenlebens entwickelt
hat, ganz vorzügliche Leistungen
ausgestellt. Der Bildhauer Gaul
am herd
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