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-sr4sö> VON AUSSTELLUNGEN
werk dieses »Neu-Dachauers«, der mancherlei Wandlungen
durchgemacht hat — übrigens nie von der
Rücksicht auf den Modegeschmack, sondern immer
von rein künstlerischen Intentionen und Bedürfnissen
geleitet. So war er zu dem Streben gelängt, das
Gemälde als Wandschmuck zum Träger eines dekorativen
Wertes zu machen, nicht ein getreues Abbild
der Wirklichkeit zu geben, sondern einen stillen,
harmonischen Zusammenklang schön verteilter Farbflecke
, die freilich nicht in der »inhaltslosen Willkür
des freien Ornaments nebeneinander gestellt
sind, sondern ein Stück Natur in seiner räumlichen
Gliederung und in seinem spezifischen Stimmungsgehalt
in streng erfasste Flächenkunst übertragen.
Jahrelang hatte er schon in diesem Sinn, mit den
beiden andern »Neu-Dachauern« Dill und Holzel
zusammen, gestrebt und gerungen, dabei immer ab
und zu die Wirklichkeit auch in mehr naturalistischen
Studien, wovon in der Ausstellung besonders die
grossenteils brillanten Kohlezeichnungen Proben
gaben, wieder studierend. Immer klarer wurde er
sich in diesem Suchen und Ringen, das ihn freilich
selten zum ruhigen Ausarbeiten kommen Hess,
über das innere Ziel seines Wollens : in engbegrenzter
Tonskala die möglichst feine Differenzierung der
Valeurs, eine zugleich zarte und reiche Farbigkeit
zu erreichen und so, auf die Illusion des »Lochs
in der Wand« verzichtend, doch räumlich klar erkennbare
und eindruckweckende Gebilde zu schaffen.
Es war etwa in den letzten anderthalb Jahren, dass
er sich über die Mittel, wie er dies Ziel erreichen
könne, völlig ins klare kam, und aus dieser kurzen
Zeit stammt die — verhältnismäsig und absolut
genommen — überraschend grosse Zahl von Skizzen
und Studien, welche die Langhammer-Ausstellung
bildeten. Begreiflicher erscheint diese
Produktivität, wenn man bedenkt, dass, wie
schon gesagt, Langhammer sich selten zum
Durcharbeiten, zum »Fertigmachen« Zeit und
Ruhe Hess. Ein ganz »fertiges« Bild ist eigentlich
nur die »Prozession«; aber erstaunlich
ist es, wie bildmässig auch so viele andere
dieser rasch hingeworfenen Studien wirken.
Meist bilden hellgekleidete Mädchen und Kinder
den figürlichen Mittelpunkt, selten sind
ihre Gesichter über die allgemeine Anlage in
breiten, nur eben das Wichtigste hinsetzenden
Strichen hinausgebracht; selten, wo mehrere
Figuren auf einem Bild zusammen sind, ihr
Nebeneinander, das bischen Handlung, das
sie verbindet, völlig klar ausgedrückt. Aber
wie stehen diese Figuren in der Luft; welchen
Accord ergiebt das Spiel gedämpften Lichts
auf den hellen Kleidern zusammen mit den
Farben des Himmels, der Bäume, der Wiesen,
spiegelnden Wassers! Das ist durchaus eigenartige
Kunst, vornehm bis zur Exklusivität,
zartfühlend bis zur Raffiniertheit. Gewiss
hat Whistler, haben in anderer Weise die
Schotten auf den hier eingeschlagenen Weg
hingewiesen, aber die Neu-Dachauer sind ihn
selbständig weitergegangen, und unter ihnen
wieder Langhammer als einer ganz für sich.
Er hat mit so viel Ernst um ein Problem,
um »sein« Problem gerungen, dass Künstler,
die es ebenfalls ernst mit sich und der Kunst
meinen, unendlich viel werden von ihm lernen
können (so unheilvoll ein kritikloses Nachahmen
wäre) und dass es nicht bloss eine
wohlverdiente Ehre ist, wenn der Staat eine
Reihe der schönsten dieser Arbeiten kaufte,
um sie vereinigt, etwa in Schieissheim,
als Beiträge zur Geschichte eines echt
künstlerisch gefassten und behandelten Problems
den mitlebenden und nachkommenden Malergenerationen
zu überliefern. Ungleich vielseitiger
, lebensvoller, naiver, wenn man will, dafür
freilich vom ausstellungstechnischen Standpunkt
auch weniger einheitlich, präsentierte sich der
Nachlass von Wilhem Volz. Wir empfingen hier
ein so umfassendes Bild dieses in sich beglückten,
beschaulich thätigen Künstlerlebens, dass wir auf
Grund des gebotenen Materials späterhin eine ausführliche
Charakteristik zu geben gedenken. — Neben
den drei Maler-Kollektionen enthielt die Ausstellung
aber auch eine architektonische: Theodor
Fischer, der von München nach Stuttgart berufene
Stadtbaumeister, gab in einer umfangreichen
Sammlung von Skizzen, ausgeführten Entwürfen,
Photographien und plastischen Abgüssen einen Ueber-
blick dessen, was er ist und wie er es geworden, vor
allem auch, was er im Dienste der Stadt München
geschaffen. Ueber diese Ausstellung, die uns aufs
neue in Theodor Fischer einen der reichsten und
zukunftvollsten unserer deutschen Baukünstler der
Gegenwart erkennen Hess, wird die »Dekorative
Kunst« gelegentlich einer Gesamtdarstellung von
Fischers Schaffen und Streben mitberichten. Hier
sei nur noch erwähnt, dass auch bei dieser Gelegenheit
wieder alle einsichtigen Kreise der Kunststadt
München es tief empfanden und aufs lebhafteste
beklagten, was wir durch die Wegberufung des ausgezeichneten
Künstlers verloren haben. Möchte'er
später den Weg nach München zurückfinden und sich
dann, von Banausentum und Böswilligkeit minder beengt
, von der dankbaren Anerkennung seiner Mitbürger
freudig gefördert fühlen! O. M.
albert maignan
sturmglocke
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