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die freiheit der kunst
Von Professor Kon
Ti\as& der Kaiser in Sachen der bildenden
U Kunst einen ausgesprochenen personlichen
Geschmack hat, war schon früher bekannt
. Dass er ein volles Recht auf Geltendmachung
dieses Geschmackes hat — ebensogut
wie jeder Staatsbürger -— ist nicht zu
bestreiten. Dass es ganz von;seinem Willen
abhängt, welche Kunst er zur Berliner Hofkunst
: machen, von welchen ^Bildhauern ,er
die Denkmäler seiner Vorfahren ausführen
lassen will, ist vollends ausser Zweifel.'
Nur das wusste man bisher noch nicht,
dass der Kaiser diesen seinen persönlichen
Geschmack für allgemeingültig hält und dass
er djas, was er für schön hält, der deutschen
Kunst aüch über die Grenzen von Berlin und
Preussen hinaus als mustergültig vorschreiben
will. Erst die Ansprache, die er bei der Vollendung
der Denkmäler der Siegesallee gehalten
hat, und die nicht ohne seinen Willen in
die Presse gekommen sein kann, hat weitere
Kreise darüber aufgeklärt. Und die Welt
steht jetzt vor. der unbegreiflichen Thatsache,
dass ein Monarch, der im ganzen ein moderner
Mensch ist, und gerade das antike Ideal in
der Jugendbildung möglichst zurückdrängen
möchte, die Kunst etwa auf. dem Standpunkt
festhalten will, den die Nachzügler des Klassizismus
um :die Mitte des vorigen Jahrhunderts
einnähmen. !
Wir finden es ganz in der Ordnung, dass
der Kaiser, nachdem er die Statuen der Sieges-
allee von denjenigen Bildhauern hat ausführen
lassen, die er und seih Vertrauensmann Begas
für die besten unter den jetzt lebenden halten,
diesen Männern bei Gelegenheit eines ihnen
zu.Ehren gegebenen Essens in liebenswürdiger
Weise dafür dankt, dass sie es jfertig gebracht
haben, in die gut ausgerichtete Front dieser
Kurfürsten und Könige etwas Abwechslung
zu bringen. Denn wenn es auch nur ein
„Körnchen" eigenen Charakters war, das sie
dabei hinzuthun durften, entsprechend, etwa
dem „Rührt Euch" bei einer Front aüsge-
richt«^T8ÖfiKDÖ»,.H^ßA.5^är es doch gewiss
keine leiejhte Aufgabe^ aus dieser modernen
Sphifl^ll^t8t\^s^'3tMg^rmassen Erträgliches
zu machen. ;
Wir wollen auch nicht daran Anstoss nehmen,
dass die meisten dieser Hohenzojllern und ihrer
Räte dem Volke bisher völlig unbekannt waren,
so dass der Kaiser mit Recht sagen konnte,
rad Lange (Tübingen)
(Nachdruck verboten)
nur den Bemühungen desj Historiographen
seines Hauses, Prof. Koserj, sei es zu verdanken
, dass er den Künstlern überhaupt
greifbare Aufgaben habe stellen können.
Denn schliesslich hat ja auch Michelangelo
die Grabdenkmäler zweier Mediceer geschaffen
, von denen die Geschichte ausser
dieser erfreulichen Thatsache so gut wie nichts
zu berichten weiss. Geschichte ist eben Geschichte
und Kunst ist Kunst. Und ebenso
wie sich die Dynastie der Hohenzollern durch
die Thaten des Grossen Kurfürsten, Friedrichs
des Grossen und Wilhelms I. in der Geschichte . ;
ein Denkmal gesetzt hat, das dauernder ist .
als Marmor oder Erz,'ebenso würde der Ruhm .
dieser Statuen, falls sie wirkliche Kunstwerke
wären, auch dann zu Recht bestehen, wenn
keiner der Dargestellten eine Rolle in der
Weltgeschichte gespielt hätte. Dazu hätte
freilich ein grosser Künstler an diese Aufgabe
herantreten und bei ihrer Lösung vollkommen
freie Hand haben müssen.
Leider ist das nicht der Fall gewesen. .
Der Kaiser freilich versichert, dass er den
Künstlern volle Freiheit gelassen habe, dass
der Eindruck, den die Siegesallee auf die
Fremden mache, ein „ganz überwältigender"
sei, und dass sich überall ein „ungeheurer
Respekt vor der deutschen Bildhauerei" bemerkbar
mache. Und wir können ihm das
nach dem Masse seiner persönlichen Beobachtungen
gewiss aufs Wort glauben. Denn die
Fremden, mit denen er sich über diese Statuen
zu unterhalten Gelegenheit fratte, d. b.
vermutlich seine fürstlichen Gäste und die
ausländischen Gesandten am Berliner Hofe,
werden sich sicherlich nicht ungünstig über
seine Lieblingsschöpfung ausgesprochen haben,
Aber diese Urteile stellen nicht die Meinung
der Gesamtheit und auch nicht die der Sachverständigen
där. Und woher soll der Kaiser
die Meinungen der anderen, der auswärtigen
Künstler, der Kunstgelehrten, des Volkes
u. s. w. kennen?
. Aber vielleicht kannte er siem»iofi& s&dgNrj «q
wusste wenigstens, dass die SiegesAUÄftj^i rdttftuwx
ngigen Presse ähnlich heurfteiAfcavWwrdii »•
as Kajser Wilhelm- und Bismarck» V
al, wie die Krönungsmedaillen und die
mania-Marken, und wollte durch sein
kaiserliches Wort die Künstler für die vieler,
Kränkungen, die man ihnen bereitet hatte.
Pir Kunst ftlr Alle XVII. 9. 1. Februar 190
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