http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0257
-^5> NEUE SKULPTUREN VON MAX KLINGER C^=^
den rechten Fuss auf den verhältnismässig
hohen Baumstamm gesetzt und schaut mit
gebeugtem Kopf träumerisch zum Wasser
hinab. Damit aber hat Klinger ein drittes
Motiv verbunden: das Mädchen hat den nackten
Arm über den Rücken gelegt und hält mit
energischem Griff der Rechten die Finger
der linken Hand, die rückwärts gewandt in
der linken Hüfte liegt.
Durch die Verbindung der drei Motive -
aufgestützter Fuss, gebeugtes Haupt und Verschränkung
der Hände in der Weiche • ist
nun eine Fülle von plastischen Schönheiten
frei geworden: Massenverteilung, Rhythmus,
Verteilung von Licht und Schatten, Linienführung
, Durchbildung der Einzelformen ergeben
für den aufmerksamen Beschauer immer
neue Reize. Nicht im Sinne jener empfindsamen
Klassizisten, welche jede kühne Ueber-
schneidung der Linien, jeder Zusammenstoss
zweier spitzer Winkel, wie etwa hier der des
linken Armes und des rechten Knies, erschreckt
, wohl aber im Sinne des kräftig
und voll empfindenden Künstlers, der seine
Freude daran hat, den Organismus des
menschlichen Körpers in lebendiger Bewegtheit
, die einzelnen Organe in kräftiger
Wechselwirkung und Gegenstellung, Muskeln
und Sehnen, Knochen und Gelenke in der
Eigenart ihrer bestimmten Funktionen wirkend
zu sehen. Stehen wir auf der linken
Seite des Standbildes, so sehen wir, wie die
Last des Körpers auf dem kräftig gestreckten
linken Bein ruht, wie der rechte Fuss sich
nur mit dem Ballen aufstützt, so dass uns
der hohe Spann und die Elasticität des Fusses
augenfällig wird. Wir sehen den prachtvollen
Rücken, unter dessen gespannter Haut das
reiche Spiel der Muskeln sich offenbart, die
lebendigen Gegensätze zwischen dem an den
Rücken geschmiegten rechten und dem vom
Körper ab gestreckten rechten Arm, wie
zwischen der fassenden und der erfassten
Hand, die kühne Gegenstellung des linken
Ellbogens mit dem rechten Knie, die feingeschwungene
Nackenlinie. Aber auch das
seelische Motiv, das der Künstler mit dem
mechanischen Problem gepaart hat, die
träumerische Versunkenheit beim Schauen in
die Wassertiefe, kommt uns hier wohl zum
Bewusstsein.
Von der anderen Seite erscheint das Profil
weicher, offenbart sich uns die Schönheit der
von den rückwärts gewandten Armen umrahmten
Brust, sehen wir, wie der rechte
Fuss am linken Knie seine Stütze sucht, wie
der Oberkörper dem Zuge des linken Armes
folgend sich seitwärts neigt und der Kopf in
seiner Bewegung dem Zuge nachgiebt. Von
vorn gesehen endlich — aus der Richtung
des linken Armes - - wird das Spiel von Licht
und Schatten noch mannigfaltiger als vorher:
wir sehen, wie der Künstler durch den vorgestreckten
Ellbogen und das vorstrebende
Knie die Tiefe gewonnen hat und vor allem
die köstliche Umrisslinie, die vom Hals an
der Brust und dem Leib abwärts zu dem
wagerecht gehenden Oberschenkel läuft. Die
Durchblicke zwischen den Gliedern, die von
allen Seiten in reizvoller Weise wechseln,
sind hier besonders mächtig.
Sicher ist ein Ideal der Plastik - das, welches
Klinger in den oben angeführten Worten
ausspricht hier erreicht. Die volle Natürlichkeit
ist vorhanden bei aller Eigenart des
Motivs. Kraft, Fülle und Anmut zeichnen
den ebenmässig gebauten Körper aus. Jede
Einzelheit ist klar und zweckmässig durchgebildet
und trotz der vollen Geschlossenheit
der Gestalt lebt jede Einzelheit ihr individuelles
Sein: man sehe daraufhin das verschlungene
Händepaar oder das herrliche
rechte Knie, den Rücken, den aufgestützten
Fuss usw. an. Nicht zuletzt ist es die volle
gesunde Auffassung, die uns an diesem Werke
anzieht, die Formenklarheit, der schlagende
Rhythmus des Ganzen bei dieser Fülle von
bestrickenden Linien- und Formenkombinationen
, die alle so wohl begründet, so wohl
durchgeführt sind.
Noch etwas anders als diese herrliche Figur
will die Kauernde (S. 218) betrachtet sein. Die
Freude an einem schönen Stück Marmor drängt
Klinger, herauszuholen, was an plastischer Gestaltung
darin verborgen ruht, mag der Block
noch so eng umgrenzt sein und des Künstlers
Freiheit beschränken. Hier galt es ihm
ähnlich wie er aus einer altgriechischen Marmorstufe
den Rumpf der Amphitrite heraushieb
einen in Rom gefundenen Block bis
an die Grenzen der Möglichkeit auszunützen.
Mit Genugthuung erzählt er, wie Treu berichtet
, dass die Glieder stellenweise fast
die Oberfläche des Blocks berührten, ohne
ihn doch irgendwie zu überschreiten. Wir
empfinden die Enge des Raumes noch nach,
bewundern aber zugleich das „schwellende
Lebensgefühl" des Körpers, den der Künstler
in kühner, dem Moment abgelauschter Stellung
wiedergegeben hat.
Aus der engen Form eines zufällig vorhandenen
Marmorblockes ist auch dieMädchen-
büste (S. 222) herausgewachsen (welche gleich
dem Athleten der Ernst Arnold'schen Hofkunsthandlung
in Dresden gehört). Ausser
dem Kopf und dem Hals bot er nur noch Stoff
223
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0257