Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 228
(PDF, 174 MB)
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-sr4^> KÄTHE KOLLWITZ -C^s^-.

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KÄTHE KOLLWITZ ZUG DER AUFSTÄNDISCHEN

Nerven in ihr werden ergriffen, wenn Leid und
Not ihrem Gefühl begegnen. Und da ihr
schlimmer noch als physisches Leiden ein
müder, stumpfer und nüchterner Zustand erscheint
, so wurde das Hoffen und Ringen verdüsterter
Seelen nach einem lichteren Dasein
der Inhalt dieser Kunst. Ein „Weberaufstand"
(1898), „ Bauernkrieg"( 1899), „ Die Zertretenen"
(1900)und„DerTanzumdieGuillotine" (1901),
das war die Reihenfolge der grösseren Arbeiten
und auch für die nächste Zukunft werden ähnliche
Gegenstände sie beschäftigen.

Daneben hat der Stift wohl auch hellere
Stunden im Leben der Aermsten gestreift. Er
hat in einer der frühesten Radierungen kleinen
Formats die Traulichkeit des Familiensinns geschildert
oder Stunden der Sorglosigkeit in der
Schenke dargestellt, wo unter dem Ansporn des
Getränks zwei Männer sich zum Tanz umfasst
haben und ein Weib daneben sich vor Belustigung
kaum zu fassen weiss. Aber wo sie hinsah
, da fand sie doch Jammer und Not vorwiegend
. Frauen, die ratlos neben ihren
hinsiechenden Kindern sassen oder stumpf
an einer Leiche brüteten. Einen Mann, der
keinen anderen Ausweg mehr findet als den
Strick und im Hintergrund lauernd das schauerlichste
Elend: der Schandpfahl der Prostitution
(„Zertretene").

Aber nicht die beständige Wiederholung

solcher Jammerscenen, sondern die Stunde
des Aufatmens von dem langen Druck ist
das grosse Thema, das in diesen Blättern
immer wiederkehrt: Der Mensch, der von
einer Hoffnung erfasst ist, und der durch
den Entschluss, sie zur Wahrheit zu machen,
grösser und anziehender geworden ist. So
ist der Sinn des Schwurs in dem Mittelbild
der Zertretenen, wo die Wundmale des Welterlösers
zu Zeugen aufgerufen werden, dass
es anders werden solle auf der Erde. Um
diesen Schwur zu halten, raffen sich die
Männer auf und die Frauen müssen immer
mit dabei sein, sie, die mit ihren Kindern
und für sie den schwereren Teil des Leidens
getragen haben. Nun schreiten sie tapfer
mit, tragen Steine als Waffen herbei oder
schüren mit heissem Atem die Leidenschaften
. Mancherlei Formen kann dieser
Marsch unter der Fahne der Zukunftshoffnung
annehmen - - immer neue künstlerische Aufgaben
. Da ist die verbissene, fast automatische
Vorwärtsbewegung des Weberzuges.
Stärker flammt die Leidenschaft in dem kräftigeren
Menschenschlag, der sich in den
Bauernkriegen erhebt. Pathetisch drohen
Arme und Waffen hoch in der Luft bis hinan
zu dem gespenstischen Weib, das dem Zug
voranschwebt, rings die Burgen der Unterdrücker
einäschernd. Solcher Hoffnungsschein

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