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-^235> DAS HAMBURGER BISMARCK-DENKMAL <^^*-
mit dem ersten Preis zu krönende Entwurf
stand für die Preisrichter von vornherein
ausser Frage. Die erste freie architektonische
Form dieses Entwurfes ist ein runder kraftvoller
Unterbau. Von nach oben strebenden
Pfeilern, die zur Aufnahme von als Wappenträgern
gemeisselten Malsteinen bestimmt
sind, gestützt, ist dieser Unterbau gleichsam
als ein erster Accord gedacht zu jener Feierstimmung
, die von dem Werke ausgehen und
deren höchster Ausklang die frei zur Wolkenhöhe
aufragende Standfigur des Heros Bismarck
sein soll.
Dieser, den Begriff des ehern Unbeugsamen
durchaus richtig versinnbildende Heros mit
dem Bismarckkopfe steht entblössten Hauptes
und aufrecht, den bannenden Blick in die
Weite gerichtet. Von seinen Schultern fällt
in breiter Fläche ein schwerer Mantel nach
hinten. Die ganze Vorderansicht der ritterlich
gewandeten Gestalt liegt frei. Die Arme
stehen leicht ab vom Körper, die Hände
ruhen auf dem Knauf eines gewaltigen
Schwertes, das bis zur Brusthöhe reicht.
Neben dem Recken, bis zu dessen Kniehöhe
aufragend, kauern zwei scharf ausäugende
stilisierte Adler, in ihrer Haltung das Gefühl
EDUARD BEYRER ENTWURF FÜR DAS HAMBUR-
und FRANZ RANK GER BISMARCK - DENKMAL «
Mit einem zweiten Preise ausgezeichnet
der Unterordnung unter den Willen ihres
Herrn und Meisters bestimmt markierend.
Dieser, von zwei einander wunderbar ergänzenden
künstlerischen Individualitäten erdachte
, in der Einheitlichkeit seiner Wirkung
aber wie einem einzelnen Kopfe entsprungene
Denkmalsgedanke wurde von der Hamburger
Bevölkerung nicht mit denselben Gefühlen
aufgenommen, mit denen er von den schaffenden
Künstlern gemeint, von der richtenden
Jury erkannt worden ist. Aus allen Kreisen
heraus werden Stimmen laut, die von dem
Bismarck-Roland nichts wissen und die „ihren
Bismarck" haben wollen, so wie sie ihn kennen.
Wie es nun mit diesem „persönlichen Bekannten
" Bismarck bestellt ist, habe ich schon
weiter oben angedeutet. Die Forderungen nach
Errichtung eines in Kürassier- oder Generals-
Uniform gekleideten Bismarck-Denkmals, womit
doch nur die Zahl der vielen gleichen
Denkmäler, die wir schon im Reiche haben,
um eines vermehrt werden würde, werden
darum auch ohne ernsten Nachhall verhallen.
Freilich ist damit die Ausführung des Entwurfes
Lederer-Schaudt selbst noch nicht gesichert
. Der Tenor des Widerspruches ist wider
die Verquickung des fränkisch - katholischen
Roland mit der Person des urdeutschen und
lutherischen Bismarck gerichtet und es wird
ohne einige Korrektur an dieser Stelle auch
wohl kaum abgehen. Die Vorstellung eines
ritterlich gepanzerten Bismarck als wachehaltenden
Reichsheros an der seewärts gekehrten
Schwelle des Reiches bedarf ja schliesslich
auch keiner Unterstützung durch den Rolandsmythos
, den überdies nicht einmal die beiden
preisgekrönten Künstler angerufen haben, sondern
der von aussen und zwar gelegentlich
eines den Preisrichtern gegebenen Festessens
erst in ihr Werk hineingetragen worden ist.
In einem überaus treffenden Wort hat übrigens
der Dresdener Kunsthistoriker Cornelius
Gurlitt, der just um die Zeit, als das Preisgericht
in Sachen des Denkmals seinen Spruch
abgab, einen Vortragscyklus in Hamburg absolvierte
, den Standpunkt der Opposition gekennzeichnet
. Auch er stellte sich bedingungslos
auf die Seite des gepanzerten Bismarck
und schloss sein Bekenntnis mit den
folgenden Worten: „Es wird freilich nicht
an Leuten fehlen, die vor diesem Bismarck-
Roland, weil er ihnen in der Form ungewohnt
ist, ein gewisses Unbehagen empfinden.
Doch nicht anders wäre es ihnen ergangen,
wenn der lebendige Bismarck zufälligerweise
ihr Nachbar gewesen wäre. Auch neben dem
hätten sie sich wahrscheinlich höchst unbehaglich
gefühlt."
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