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DAS HAMBURGER BISMARCK-DENKMAL <^=^-
Da die Kosten für das Bismarck-Denkmal in
Hamburg imWege freiwilliger Sammlungen aufgebracht
worden sind, die massgebendsten Persönlichkeiten
des Ausführungskomitees aber
zugleich Mitglieder des Preisgerichtes waren, so
fehlt es an einer Instanz, die befähigt und berechtigt
wäre, vermittelnd in den Kampf der Meinungen
einzugreifen und schon jetzt das entscheidende
Wort zu sprechen
, das binnen kurzem ja
doch gesprochen sein muss.
An jedem anderen Orte
und unter anderen als den
gerade für Hamburg in
Betracht kommenden Verhältnissen
hätte auch jeder
der drei mit je einem
zweiten Preise prämiierten
Entwürfe (Bildhauer Bey-
rer und Architekt Rank
in München; Bildhauer
H. Hundrieser in Charlottenburg
und Architekt
Spaar inChemnitz; Architekt
W. Müller in Berlin)
berechtigte Aussicht auf
eine erste Auszeichnung
gehabt. Der Beyrer-Rank-
sche Entwurf fasst den
Alt - Reichskanzler als
Reichszimmerer in seiner
militärischen Erscheinung,
imposant, stehend auf
massiven, geschichteten
Quadern, von Quadern
umgeben und in der Gestalt
selbst aus gewaltigen
Quadern gefügt. Hund-
riesers, gleichfalls in Uniform
dargestelltes Standbild
interessiert durch
Fernhaltung von aller
Pose und durch Betonung
einer schlichten Würdigkeit
. Müllers Entwurf,
eine Zeichnung, ist allegorisch gefasst: ein
ruhender Löwe auf einer hochragenden Wand,
mit eingefügtem Bismarck-Relief. Dass Bruno
Schmitz, der Schöpfer des Hermann- und
Kyffhäuser-, sowie des für Leipzig geplanten
Völkerschlacht-Denkmals, mit unter den drei
durch dritte Preise Ausgezeichneten aufgenommen
ist, ist erfreulich, nicht gerade in Ansehung
des von ihm eingesandten, unter Mithilfe
von Chr. Behrens gearbeiteten Entwurfes
, der für Hamburg undenkbar, für die
Errichtung an einer Stelle im Hochgebirge
wie geschaffen ist, sondern weil die gesamte
EDUARD BEYRER fec.
Denkmals-Architektur aus den bisherigen Arbeiten
dieses Künstlers eine Reihe fruchtbarster
Anregungen empfangen hat, was, wie
früher noch nie, so gelegentlich des Hamburgischen
Wettbewerbes zum erstenmale mit
voller Deutlichkeit in die Erscheinung getreten
ist. Mit Bruno Schmitz teilten sich in den
dritten Preis: W. Kreis in Dresden und Otto
Rieth in Berlin. Vierte
Preise erhielten: Norb.
Pfretzschner in Charlottenburg
, S. Peterich
und Architekt Hartmann,
beide in Berlin und Cesar
Scharff in Hamburg.
Ausserdem wurde der Ankauf
von vier Entwürfen
ä 1000 M. beschlossen,
wodurch, da auch noch
die Neuschaffung eines
dritten Preises zu 5000 M.
beschlossen worden war
(vorgesehen waren nur
zwei dritte Preise), die
für die Prämiierung ausgeworfene
Summe sich
von 30000M.auf 39000 M.
erhöhte.
Als Voraussetzung des
überaus seltenen Falles
einer völligen Ueberein-
stimmung aller Preisrichter
bei Abgabe ihres Urteils
für den ersten Preis
darf wohl nicht allein das
Packende des hier zur
Verwirklichung gebrachten
geschichtlichen Gedankens
, sondern kaum
weniger auch die Abwendung
der denkenden Geister
unserer Zeit von dem
rein porträtistischen Denkmal
angesprochen werden.
Immer bestimmter in dem
Masse, als Deutschlands Städte sich mit Denkmälern
anfüllen, kommt eben das Gefühl zum
Durchbruch, dass es nicht genug gethan ist,
wenn der Denkmalbildner das Werk des Photographen
in Stein übersetzt und mit Emblemen
umgiebt, die auf die Lebensthätigkeit des
Dargestellten hinweisen. Man verlangt heute
mehr. Man fordert, dass, wie das Ewige im
Menschen dessen schaffender Geist ist, auch
im Standbild das Geschaffene die menschliche
Form nicht nur äusserlich begleite, sondern
indem sie sie durchdringt, ein hervorragendstes
Teil werde dieses Bildes selbst. Und dass
Detail aus dem a. S. 234
abgebildetem Entwurf «
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