Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 244
(PDF, 174 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0282
-sr^> EUGENE BURNAND -C^=^

Obstbäumen verschwinden, bot ihm unzählige
Motive für seine Bilder. In der Provence
brachte ihn die Bekanntschaft mit Frederi
Mistral zunächst auf den Gedanken, dessen
herrliches Epos „Mireio" zu illustrieren.
Denn bereits während seiner Studienzeit bei
Geröme hat Burnand viel illustriert und u. a.
zahlreiche Zeichnungen für L'Illustration geliefert
, die meist Scenen aus dem Pariser
Volksleben zum Gegenstand haben. In die
Zeit von 1876 und 1877 fällt ein längerer
Aufenthalt in Rom, wo der Künstler sich
besonders für Raflfaels Stanzen begeistert,
die ihm das Höchste an Ausdruck von religiösem
Gefühl bedeuten, die ihm an triumphierender
Schönheit und Harmonie des Ausdruckes
unvergleichlich scheinen und aus
denen er das Wehen einer göttlichen Schöpferkraft
fühlt. Nach seiner 1878 erfolgten Verheiratung
siedelt er für mehrere Jahre nach
Versailles über, wo ihm auch die Idee zu
seinem Bilde „Das Alter Ludwigs XIV." kommt.
Aber wie es nicht dieses an sich ausgezeichnete
Bild war, was die allgemeine Aufmerksamkeit
auf den Künstler lenkte, so ist auch
Versailles nicht der Ort gewesen, wo sein
Talent sich entwickelt hat. Neben seiner

EUGENE BURNAND DER SOHN DES

KÜNSTLERS « «

Heimat ist Südfrankreich der eigentliche Boden
für Burnands Kunst geworden, und gewissenhaft
hat der Künstler sein Leben zwischen
diesen beiden so verschieden gearteten Gegenden
geteilt. Den Sommer verbringt er in der
Regel zwischen den Bergen der Schweiz und
die rauhe Jahreszeit findet ihn in einem von
Gärten umgebenen Schlösschen in den paradiesischen
Gefilden um Montpellier.

Es ist ganz merkwürdig, wie sich dieses
geteilte Dasein in der Kunst Burnands äussert.
Wenn er in der Schweiz weilt, beherrscht ihn
deren mächtige Natur. Er muss ihr zu Willen
sein und malt andächtig die schimmernden
Häupter ihrer Berge, ihre dunklen Wälder
und grünen Almen; er malt Kühe, die zur
Tränke gehen, Stiere, die die Einsamkeit der
Berge anbrüllen, arbeitende oder ruhende
Bauern. Ausser Segantini hat niemand die
Erhabenheit der Alpennatur, die dünne klare
Luft der hohen Berge, den weiten Blick von
ihren ragenden Gipfeln über Gebirgszüge und
Thälern grösser und überzeugender im Bilde
zu geben verstanden als eben Burnand. Auch
die Provence hat ihn, den überzeugten Plein-
airisten, zunächst landschaftlich gereizt, und
er malte dort Bilder, die denen glichen, die
er daheim gemalt: Heimkehrende Herden,
ruhende Hirten. Dann aber fordert, da das
Auge durch die fast unveränderliche Schönheit
der Natur nicht genügend beschäftigt wird,
die vorhandene künstlerische Energie andere
Gebiete der Bethätigung und die Phantasie
muss sie hergeben. Die Aehnlichkeit der
provencalischen Landschaft mit dem Lande, wo
Milch und Honig fliesst, und eine gewisse lebhafte
religiöse Empfindung führten den Künstler
fast unwillkürlich dazu, biblische Bilder
zu malen. Ein „Verlorener Sohn" entsteht;
die erschreckt zum leeren Grabe des auferstandenen
Heilands eilenden Jünger werden gemalt
(S. 257); die Worte des Jesaias „Fürwahr, er
trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere
Schmerzen" verkörpern sich zu einem in den
Qualen des Gebetes ringenden Heiland(S.254);
das Gleichnis von der königlichen Hochzeit
wird zu einem Bilde „Die Einladung" (S. 249).
Der Maler der Wirklichkeit wird im Lande
der Troubadours zu einem religiösen Schwärmer
und Symbolisten. Das Eigentümliche an
der Sache ist, dass diese symbolisch-religiösen
Bilder, wenigstens die letzten davon, auch in
der Malweise ganz anders sind als die realistischen
Bilder, die um ein paar Monate
früher oder später in der Schweiz entstehen.
Ein höchst seltsamer Dualismus, der geeignet
ist, die Bewunderer des Künstlers zu verwirren
, ihn selbst aber bis zu einem gewissen

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