http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0285
-a-4^> EUGENE BURNAND <ö=£-s-
Lausanne erschienene Sammlung „Les Legendes
des Alpes Vaudoises", Georges Sands
„Frangois-le-Champi" (Calmann-Levy, Paris)
und Urbain Oliviers „L'orphelin" (Bridel,
Lausanne). Auch eine in jüngster Zeit entstandene
grössere Folge von Illustrationen für
Bunyans „ Voyage du Chretien", von denen hier
a. S. 255 eine Probe gegeben ist, sei genannt.
Was Burnand als Künstler besonders auszeichnet
, ist seine grosse Aufrichtigkeit und
Ehrlichkeit. Seine Schöpfungen sind mit ganz
wenigen Ausnahmen vor der Natur entstanden.
Selbst seinen Bildern idealen Inhalts fehlt
nicht die enge Verbindung mit dieser und
das sich daraus ergebende künstlerische
Problem. Er ist in erster Reihe Freilichtmaler
. Nicht viele Künstler haben mit solchem
Erfolge die sonnendurchleuchtete Atmosphäre
und ihre Wirkung auf die Erscheinungen der
Natur gemalt. Gewisse Bilder Burnands wie
der „Alpenstier", „Der Obstgarten", „Ein
Bauersmann", „Die weisse Kuh" versetzen
den Beschauer so vollkommen in die erdrückende
Helle des Tages, dass er unwillkürlich
die geblendeten Augen schliesst. Sie werden
immer zu den wichtigen Dokumenten der
unter dem Zeichen des Pleinairs stehenden
Kunstepoche gehören. Burnands Kompositionen
sind in ihrer Bedeutung und Wirkung
durchaus abhängig von ihrem landschaftlichen
Hintergrunde, obgleich der Künstler die Fähigkeit
besitzt, seine Gestalten mit individuellem
Leben zu erfüllen, ihnen einen starken
seelischen Ausdruck zu geben. Das gelungenste
seiner Werke in dieser Richtung
ist einstweilen immer noch das riesengrosse,
die Flucht des geschlagenen Burgunderfürsten
darstellende Bild und vielleicht überhaupt die
einzige von grossem geschichtlichen Geist
erfüllte gemalte Historie, die der Pleinairismus
geliefert hat. Der Gegensatz des schweigenden
, von friedlichem Sonnenschein erhellten
Waldes zu der an seinen Stämmen vorüberhastenden
Schar wirkt bezwingend, und in der
Gestalt des barhaupt reitenden, von Scham
und Wut und Rache erfüllten Burgundenher-
zogs hat der Künstler eine Erscheinung von
höchster Eindringlichkeit geschaffen. Das ist
ein kolossaler Schritt über die von Delaroche
und Piloty abstammende Historienmalerei hinaus
. Dem Herzen Burnands sind die im
Luxembourg-Museum befindlichen, erschreckt
und schmerzlich bewegt zum Grabe des Auferstandenen
im Sturmschritt eilenden „Jünger"
EUGENE BURNAND
DIE WEISSE KUH
(Das Original in der Galerie Ravene zu Berlin)
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