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-*-s^> KÜNSTLERISCHER WANDSCHMUCK <^=^
HANS VON VOLKMANN DER RHEIN BEI BINGEN
Verkleinerte Nachbildung eines Blattes aus der Serie ,,Künstlerischer Wandbilder"
(B. g. Teubner u. R. Voigtländers Verlag in Leipzig)
kann und soll. Die erste Forderung hat altes
Unkraut auszujäten, Urwälder verfilzten
Schlendrians zu roden; die zweite trifft auf
nahezu jungfräuliche Erde. Im Festsaal der
Schule hing wohl bisher das mehr oder minder
miserabel ausgeführte Bild des Landesherrn
, die Wände der Schulzimmer waren
kahl, wenn nicht der Lehrer gerade eine
Landkarte daran aufhängte oder eine dem
„Anschauungsunterricht" dienende Tafel, die
mit Kunst so viel und so wenig zu thun
hatte wie das Einmaleins mit der Analysis
der Unendlichkeit. Als die Hamburger Lehrer
zum erstenmale daran gingen, ein Verzeichnis
von Bildern aufzustellen, die sie für den
künstlerischen Schmuck der Schulwände geeignet
hielten, da fehlte es ihnen nicht an
Reproduktionen deutscher Meisterwerke der
Kunst; wollten sie aber Originale empfehlen,
so mussten sie mit schwerem Herzen ans
Ausland verweisen: Des Franzosen Riviere
Landschaften und Pariser Ansichten, die englischen
Fitzroy-Pictures wurden in erster Reihe
genannt - - bei aller Anerkennung ihrer Vorzüge
, ja eben um dieser willen, nicht ohne
Bedenken: denn diese Sachen waren künstlerisch
zu gut, um nicht die Physiognomie
ihrer Nationalität aufzuweisen. Und schien
es ratsam, die Augen der Kinder französisch
und englisch sehen lernen zu lassen? „Ein
Deutscher ist gelehrt, wenn er sein Deutsch
versteht" — ein Deutscher, dem nicht deutsche
Art und Kunst sich erschlossen und tief ins
Herz gesenkt hat, mag an ausländischer
herumgeniesseln, zu ernsthafter Liebe und
fest zugreifendem Verständnis wird er's nie
bringen.
Heute brauchen wir Frankreich nicht mehr
um Riviere und die englischen Schulkinder
nicht um ihre Fitzroy-Pictures zu beneiden.
Wenn „die Zeit erfüllet" ist, erfüllen sich auch
unsere Wünsche, die ja so oft, wenn sie nur
aus gesundem Herzen kommen, Vorgefühle
des Notwendigen und Unausbleiblichen sind.
Heute haben wir eine Reihe deutscher Kunstblätter
, Originale und zwar farbige Lithographien
, gleich jenen, und sie dürfen sich
neben ihnen sehen lassen. Aus den Kreisen
des Karlsruher Künstlerbundes, der vor allem
die graphischen Künste und unter ihnen
wieder mit besonderer Vorliebe den farbigen
Steindruck pflegt, gingen die ersten Blätter
hervor, die durch ihren Gegenstand, durch
die klare, grosse Farbenwirkung, durch ihren
Umfang sich zum Wandschmuck und zwar
zum Wandschmuck für Schulstube und
Familienzimmer vortrefflich geeignet zeigten.
Zwei Leipziger Firmen, besonders durch pädagogische
Verlagswerke bekannt, B. G. Teubner
und R. Voigtländer, übernahmen den buch-
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