http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_05_1902/0334
NICOLAUS GYSIS <^=^
hat, und nicht wenig Aufsehen erregte sein Bild
„Die Wirkung der Siegesnachricht von Sedan",
die Lösung einer Preisaufgabe, welche die
Akademie gestellt hatte. Mit diesem Werke
gewann er sich erst so recht das künstlerische
Heimatrecht in München, war er ein deutscher
Künstler geworden, obwohl er in seinen Ausdrucksmitteln
bald eine Wandlung erfuhr, die
ihn von allen schablonenhaften Kennzeichen
der Münchener Malerei von damals entfernte.
1872 kehrte er nach Athen zurück und bereiste
Kleinasien. Als reifer Mensch und
Künstler sah er die Stätten des Orients und des
klassischen Altertums wieder, anders wirkten
die Zeichen der hellenischen Kultur jetzt auf
ihn ein. Er gewann vor allem persönlichen Stil
als erste Frucht dieser Reise, wie alle die vielen
Piloty-Schüler, die künstlerisch zu Bedeutung
kamen, war er erst was Rechtes geworden, als
er die Schule definitiv überwunden hatte. Das
bedeutet übrigens durchaus nicht das schlechteste
Zeugnis, das man dieser Schule ausstellen
kann, denn es zeigt, dass einer dort jedenfalls
sehr viel gelernt haben muss.
Die ersten Früchte von Gysis' Studienreise
nach Kleinasien waren orientalische Genrebilder
, vor allem die vortreffliche, in Athen
1873 gemalte „Bestrafungeines Hühnerdiebes
in Smyrna", die in das Dresdener Museum
wanderte. Das Bild zeigt schon recht des
Malers persönlichen Stil, die innerlich intime,
liebevolle Behandlung der Einzelnheiten. Eine
gewisse Vorliebe für warme braune Tiefen,
die er erst in seiner späteren Periode ablegte,
blieb als letzter Rest der Münchener Schuleinflüsse
. In Athen vermählte sich der
Künstler mit Fräulein Artemis Nasos und
kam dann bald wieder nach München, um
sich hier dauernd niederzulassen. Eine Reihe
seiner Bilder entstand noch unter dem Eindruck
jener Orientreise, aus damals gesammelten
Motiven, Studien und Stimmungen:
„Die Märchenerzählerin" (Abb. s. S. 295) -
eine flachsspinnende Alte mit aufgeregt lauschendem
Zuhörerkreis von Kindern —, „Die
heimliche Schule" - - ein Alter, der griechische
Knaben unterrichtet in ärmlichem Raum —,
ferner die hier auch reproduzierten Bilder „Das
enthüllte Geheimnis" (S. 293), „Der Karneval
in Griechenland" (s. unten), und „Die Kinder-
verlobungin Griechenland" (S. 291). Zu starker
Höhe hebt sich Gysis' Kunst in dem Werke
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