Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 306
(PDF, 174 MB)
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-sr4s£> PERSONAL- UND ATELIER-NACHRICHTEN -C^W~

DREMEN. Im Zusammenhang mit den baulichen
Wiederherstellungsarbeiten des Doms, die im
Oktober des Vorjahres nach dreizehnjähriger Restau-
rationsthätigkeit zum Abschluss kamen, wurde auch
die dekorative Ausgestaltung des Innern durch Ausmalung
und farbigen Fensterschmuck nunmehr
vollendet. Da sich wohl zahlreiche Einzelheiten
aus den verschiedensten mittelalterlichen Stilepochen,
aber doch für eine Restauration nicht genug Anhaltspunkte
alter Malerei fanden, so begnügte sich
Prof. Schaper (Hannover) damit, dem protestantischen
Charakter des Bauwerks entsprechend, die
Stimmung des Raums durch lasierende Tönung,
Quadermusterung und wenig Ornament durchzuführen
, dem Stile der jeweiligen Bauteile Rechnung
tragend. Selbst in dem reich und entschieden farbig
ausgeschmückten Chor wurden figürliche Malereien
vermieden. Von alter Glasmalerei waren nur ganz
dürftige Reste mehr vorhanden. In den fünfziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts waren von Nürnberger
Werkstätten für die Chorfenster einige heute
trotz der neuerdings vorgenommenen Abdämpfung
sehr bunt und stillos wirkende Malereien gestiftet worden
, und seit 1886 folgten nun in ununterbrochener
Arbeit die neunundzwanzig übrigen Fenster des
Doms samt der grossen Rose der Westfront nach.
Es ist interessant an der Hand dieser Arbeiten,
an denen die meisten der führenden Künstler im
Gebiete der deutschen Glasmalerei beteiligt sind,
die rasche Entwicklung dieser Kunstweise zu verfolgen
. Ein äusserliches Streben nach mittelalter-

n icolaus gysis

licher Stilechtheit beherrscht noch die achtziger
Jahre: trocken gezeichnete, reiche gotische Umrahmungsarchitekturen
, meist in hartem Gelb, gut
studierte Kostüme, aber dabei noch ganz das Streben
nach Gemäldewirkung; Raumvertiefung und Schattenmodellierung
, landschaftliche Fernen, plastisches
Herausarbeiten; so sind z. B. die sieben Seligpreisungen
von Zettler und einige Fenster von
De Bouche gehalten, religiöse Historienbilder in
ziemlich bunte Glasmalerei übersetzt. In den zahlreichen
Arbeiten, die alsdann seit 1895 Prof. Linnemann
ausführte, wird diese Richtung auf das Stilechte
vertieft; die gemäldeartige Komposition wird
immer mehr abgestreift; im Sinne eines Teppichs
fügen sich die Farbflecken zu flächenhafter Dekoration
zusammen; im Studium der alten Vorbilder
wird die Farbe harmonischer gestimmt; die hellen
kalten Töne der Alten, namentlich jenes fatale Violett
und Grün der Glasmalerei von 1860, fehlen ganz;
goldleuchtend und namentlich auf ein sattes Rot
gestimmt erscheinen seine meisten Arbeiten. Linnemann
versteht es vorzüglich, seine Kompositionen
vor Buntheit zu bewahren durch ein künstliches,
sehr geschickt hantiertes Altmachen der Farben, in
gleichem Sinne wie es z. B. Seidl mit der dekorativen
Malerei seiner Innenräume zu machen pflegt.
Uebrigens sind seine Leistungen durchaus nicht
gleichwertig. Die beiden grossen Fenster des Querschiffs
scheiterten an dem vorgeschriebenen Stoffe:
Luther beim Thesenanschlag und auf dem Reichstage
in Worms; Historienbilder eignen sich nicht
für Glasmalerei, und ein schwarzes
Mönchsgewand als Mittelpunkt einer
farbigen Glaskomposition ist misslich.
Echt mittelalterlich stehen in Farbe
und Zeichnung die Prophetengestalten
paarweise in grossem Masstabe in den
Chorfenstern des Mittelschiffs; und das
grosse Rosenfenster wie die Seitenschifffenster
mit dem Kruzifixus und
der Scene in Gethsemane sind sehr
gelungene Arbeiten. Die an künstlerischer
Selbständigkeit und modernem
Geiste bedeutendsten Werke sind
aber für den Bremer Dom in den letzten
beiden Jahren entstanden. Es sind
die Fenster des nördlichen Seitenschiffs
, bei deren Farbe möglichst
grosse Helligkeit von vornherein Bedingung
war, und die schon dadurch
von der leuchtenden Farbentiefe der
Alten lassen mussten. F.Lauterbach
in Hannover führte die Vertreibung
aus dem Paradiese, das Opfer Noahs
und die Auffindung Mosis aus. Eine
ungemein liebenswürdige Begabung
für die Bildung zarter Frauenschönheit
, manchmal an Wilh. Volz erinnernd
, manchmal an die Engländer
und ein vorzügliches Geschick, seine
Figuren in die Fläche zu stellen, zeichnet
diesen Künstler aus. Das gotische
Stilornament lässt er möglichst bei
seite; räumliche Tiefenwirkung wird
ganz vermieden. Was seine Figuren
so reizvoll macht, ist der innige
zarte Charakter ihrer Köpfe, die
herbe Schlankheit des fünfzehnten
Jahrhunderts. In dem Weiss, Grau,
und Gelb, das den Gesamteindruck
giebt, sitzen gut verteilt einige lebhafte
Farbflecke; das Ganze wirkt
»gloria« zwar wenig mittelalterlich mehr

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