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PERSONAL- UND ATELIER-NACHRICHTEN <^s=^
aber höchst harmonisch, lieblich. In zwei neuen
Arbeiten für den Chor hat übrigens Lauterbach das
Farbengeflimmer eines halbornamentalen halbfigürlichen
Teppichs im Charakter der Frühgotik mit
reizendem Geschick erreicht. - Die bedeutendste
und modernste Künstlerpersönlichkeit, die uns in
diesen Glasmalereien entgegentritt, ist endlich Josef
Huber (Feldkirch); es ist hier zum erstenmale, dass
sich dieser Künstler mit Aufgaben dieser Technik
dekorativer Malerei befasst; um so merkwürdiger
ist es, dass er sofort diesen wuchtigen grosszügigen
Stil gefunden hat, in dem die Bedingungen des
Materials und seiner Technik als stilbildende Momente
so unübertrefflich sicher und markant angewandt
sind. Alles Nachempfundene, alle Stilmacherei
nach alten Mustern ist gründlich verschmäht. Es
soll nicht mehr so gethan werden, als sei das
Fenster eigentlich im Jahre 1500 entstanden. Der
Künstler nimmt sich vielmehr die Freiheit, aus
seiner Eigenart und mit seinen persönlichen originellen
Einfällen sich seinen eigenen, höchst persönlichen
Stil zu schaffen; und das ist, was wir modern
an ihm nennen. Der innere Charakter der Arbeiten
ist wohl der alte geblieben, und die beiden Werke
Hubers fügen sich immer noch harmonisch in das
Ganze des Kircheninnern ein. Das eine Fenster
enthält die Gestalten der königlichen Vorfahren
Christi, das andere des Elias Himmelfahrt und vier
Prophetengestalten. Ornament ist ganz vermieden.
Mächtig und grosszügig steht der König David, der
Engel, welcher den Wagen des Propheten gen Himmel
geleitet, und namentlich die wuchtig umrissenen,
einfach und gross hingestellten Figuren der vier
Propheten im Bilde. Mit selten ausgeprägtem Stilgefühl
versteht es Huber, sich der Verbleiungs-
linien als einer markanten Zeichnung zu bedienen.
In der Farbe konnte leider mit Rücksicht auf die
erforderliche Helligkeit die Kraft des Entwurfs nicht
beibehalten werden. S.
l/'ARLSRUHE. Kunstverein. Professor Julius
Bergmann in Düsseldorf, der seine künstlerische
Bildung der hiesigen Akademie, speziell dem
leider allzu früh verstorbenen Herrn. Baisch verdankt,
führt uns eine grössere Kollektion seiner Werke vor,
die sich zum grössten Teile durch koloristische
Feinheit und echt künstlerische Naturauffassung, die
nur hie und da einen Stich ins Weichliche zeigt,
vorteilhaft auszeichnen. Unter den hiesigen Landschaftern
nehmen, neben Hans von Volkmann,
Rudolf Hellwag und Adolf Luntz, die durch
sehr gute Arbeiten vertreten sind, Wilh. Nagel,
Karl Walter und Max Lieber, ein Schüler von
Professor Kallmorgen, eine künstlerisch sehr angesehene
Position ein. Das Hauptinteresse der jetzigen
Ausstellung konzentrierte sich mit vollstem Recht
auf eine sehr eigenartige Kollektion von dem kürzlich
aus München hierher berufenen Akademieprofessor
Friedr. Fehr, in dem wir, neben seinem
allgemein anerkannten grossen Lehrtalent, einen
ganz hervorragenden Farbenkünstler vor uns haben,
der es in virtuoser Weise versteht, die feinsten und
wirkungsvollsten Farbeneffekte aus den Gegenständen
herauszuzaubern. Dass durch dieses, sich
über alle Details des Gemäldes erstreckende Bestreben
, die Gesamtwirkung des Ganzen hie und
da etwas leidet, behelligt uns, im Hinblick auf den
grossen Reichtum des technischen Könnens des
hochbegabten Meisters, nicht allzu sehr. — An
Stelle des schwer erkrankten Akademieprofessors
Wilh. Krauskopf wurde, wie schon kurz gemeldet,
dessen früherer und erster Schüler, Walter Conz
aus Stuttgart, zum Professor der Radierkunst an der
FEDOR FLINZER
(70. Geburtstag: 4. April)
hiesigen Kunstakademie ernannt, wozu man derselben
nur von Herzen gratulieren kann, da die
künstlerischen Leistungen des Betreffenden ihn zu
dieser Stellung glänzend befähigen. Q
"VV/4EN. An die Kunstgewerbeschule wurde der
Maler-Radierer Ernst Klotz aus Leipzig
berufen.
[ EIPZIG. Am 4. April d. J. begeht Prof. Fedor
Flinzer, der Begründer einer immer mehr zur
Anerkennung gelangenden, wissenschaftlichen Methode
des Zeichenunterrichts
, der gemütvolle
Verfasser zahlloser
Bilderbücher, der bekannte
Tierzeichner, seinen
siebzigsten Geburtstag
. In seiner humorvollen
, behaglichen Art
hat er selbst sein Leben
und seinen Bildungsgang
geschildert. Am 4. April
1832wurde erin Reichenbach
i. V. geboren; mit
acht Jahren siedelte er
mit seinen Eltern nach
Dresden über und trat
1849 in die Kunstakademie
ein. Hier genoss er
den Unterricht von Ludwig
Richter, Ernst Riet-
schel, Schnorr v. Carols-
feld u. a. Anfangs sich
Märchen- und Sagenmotiven zuwendend, kam er,
durch den Erfolg ermuntert, bald auf sein eigentliches
Gebiet, auf. die Darstellung der Tierwelt. Eine
entscheidende Wendung in Flinzers Entwicklungsgang
trat ein mit seiner Berufung als Zeichenlehrer
nach Chemnitz im Jahre 1859. Mit seiner Thätigkeit
als Organisator des Zeichenunterrichts beginnt seine
eigentliche Mission. Seine Methode ist im Gegensatz
zu den vielen neueren Vorschlägen und Theorien
aus langjähriger Praxis entstanden und zu einem
vollständigen Lehrsystem ausgebaut worden, wie er
es in seinem bereits in fünfter Auflage vorliegenden
Lehrbuch des Zeichenunterrichts (1896) entwickelt
hat. Flinzer erblickt das Ziel des Freihandzeichnens
in der Geistesbildung; er will es aus den Fesseln
des Kopistentums, der manuellen Fertigkeit befreien
und auf Grund der Kenntnisse der Naturgesetze,
der Beleuchtung, der Perspektive zu einem »mit
Bewusstsein vollzogenen Sehen« erziehen. Seit
seiner Berufung nach Leipzig als städtischer Zeicheninspektor
, im Jahre 1873, konnte Flinzer sein System
ungehindert ausbauen und ihm volle Geltung verschaffen
. Von dem Künstler Flinzer sprechen seine
zahlreichen Bilderbücher, die sich, mit wenigen
anderen aus dem Wust der Industrieware, mit der
bei uns der Markt überschwemmt wird, herausheben.
Wer kennt sie nicht: den König Nobel, den Tierstruwelpeter
, Kater Murr, Frau Kätzchen, Lachende
Kinder, Jugendbrunnen, des Kindes Wunderhorn,
Mutter- und Koselieder u. s. w. und aus den letzten
Jahren die köstliche Mappe vom Tanz und Unsere
Vögel in Sage, Geschichte und Leben. Flinzers
Wesen ist deutsch, gemütvoll; ein neckischer Humor,
inniges Naturgefühl und gesunde Lebensfreude kennzeichnen
seine Kunst. Auf ein Leben, das reich
an Arbeit, reich an Erfolg, aber auch ernst durch
schweres Leid ist, blickt der Siebzigjährige zurück,
dem die Freude des Schaffens die Elastizität und
das Feuer der Jugend bewahrt hat. P. K.
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