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-*-£^> WILHELM BUSCH <^=^
Sopranstimme, vom Publikum ungesehen, gesungen
wurde, während unser Freund William
Unger (jetzt in Wien) die Prinzessin gab und
nicht nur alle Bewegungen des Körpers, sondern
auch des Mundes mit einer so bewundernswerten
Täuschung zu geben wusste,
dass niemand an eine solche Doppelleistung
dachte. Grosse Heiterkeit erregte es, als der
Wunderdoktor, der dem Knappen mit einer
Schere den Bauch aufschneiden musste, den
Theaterdiener Meier vom Zuschauerraum auf
die Bühne rief, um den Patienten zu halten.
Dieser alte Theaterdiener überraschte auch in
der Pause unsere Gäste dadurch, dass er
ihnen (in der Uniform der Hoftheaterdiener)
auf einer grossen Tablette Eis offerierte.
Anfangs ging das Geschäft recht flau; als sich
aber nach einiger Zeit herausstellte, dass die
Darbietung dieser Erfrischung eine Aufmerksamkeit
des Komitees war, stellte sich sofort
ein recht namhafter Eisdurst ein, selbst bei
solchen, welche kurz zuvor noch glaubten, dass
sie keinen hätten. Aber der Höhepunkt der
Stimmung ward erreicht, als es sich herausstellte
, dass dieser aufmerksame, hinkende
Alte unser Bassermannn war, der diese Rolle
ganz eminent durchführte.
Ein Jahr später folgte die reizende Operette
von Krempelsetzer: „Der Onkel aus der
Lombardei", mit Text von J. Obwexer, bei
welcher jedoch Busch unbeteiligt war.
Den Kulminationspunkt derJung-Münchener
Aera bildete der grosse Märchenball im königlichen
Odeon 1862. Da wollte die junge
Aus dem Karikaturen- WILHELM BUSCH gez.
Buch „Jung-Münchens" (Karikatur auf Theod. Pixis)
Aus dem Karikaturen- WILHELM BUSCH gez.
Buch „Jung-Münchens" (Karikatur a. Fritz Schwörer)
Generation zeigen, dass sie des Wohlwollens
und Vertrauens der Alten würdig sei, welche
die vorangegangenen grossen Künstlerfeste
arrangiert hatten, und denen sie in begeisterter
Verehrung zugethan war. Da war
wieder Busch unser Mann. Er entwarf den
ganzen Plan und die Auslese der Märchen,
die dargestellt werden sollten und schrieb
den Text zu dem einleitenden Festspiel:
„Hans und Grethel", das Krempelsetzer
komponierte. Den Schluss desselben bildete
der grandiose Hochzeitszug, der sich von
dem romantischen Schloss am Rhein (gemalt
von Chr. Jank) herabbewegte. Das war ein
Bild von unbeschreiblich poetischer Wirkung.
Und doch wenn ich daran zurückdenke
ergreift mich ein Gefühl des Unmuts über
die ganze damalige verblendete Damenwelt,
die sich nicht entschliessen konnte, die
Krinoline abzustreifen, und so wandelten denn
Aschenbrödel, Schneewittchen, Rotkäppchen
und wie sie alle hiessen, in diesem vermaledeiten
Instrumente daher. Dass ich, der
die alte Hexe im Festspiel zu singen hatte,
nicht auch gezwungen wurde, um „anständig"
auszusehen, eine Krinoline zu tragen, darf
als ein grosses Wunder betrachtet werden.
Und trotzdem dieser unvergessliche Eindruck!
Noch am Ende desselben Jahres wurden
„Die Schuster und die Schneider", ebenfalls
von Busch und Krempelsetzer, aufgeführt
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