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DIE BREMER INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG
Das heutige Bremen ist nicht mehr die
Stadt Arthur Fitgers, es zeigt sich immer
rüstiger auf dem Wege, eine massgebende
Stätte für die Pflege der jungen Kunst zu
werden, so wie es seinem durchaus nicht engherzigen
politischen und wirtschaftlichen Streben
, seiner Wohlhabenheit und der alten Kultur
seiner Patrizierfamilien entspricht. Nur wenige
gleich grosse Gemeinwesen dürfen sich heute
rühmen, auf die Erhaltung und architektonische
Neugestaltung ihres Stadtbildes soviel Vorsicht
und Sorgfalt zu wenden; kaum eine Stadt hat
im letzten Lustrum so bedeutende öffentliche
Denkmäler erhalten, wie Maisons phantastische
Brunnengruppe mit dem humorvollen Seegetier
, die geharnischten Herolde desselben
Künstlers, die vor dem Rathausportal als
Hüter aufgestellt wurden, und endlich
den wundervollen Rosselenker,
das letzte grosse Werk Tuaillons,
ohne dass ihr zu gleicher Zeit
plastische Albernheiten zugemutet
worden wären. Und in der Malerei
darf man nicht vergessen, dass die
Gemeinde derer,diesich vom ersten
Tage an der Worpsweder mit warmem
Verständnis annahmen, nicht
klein war.
Nach einer Reihe von Kampfjahren
, in denen die Meinungen oft
ebenso heftig aufeinanderstiessen,
als in den Kunstzentren zur Zeit
der Secessionen, hat sich dieser
längst vorhandene gesunde Sinn
für ernste Kunst nun aus der Vormundschaft
der mühsam aufrechtgehaltenen
reaktionären öffentlichen
Meinung losgerungen und
mit der jetzigen Ausstellung ist
endlich der Anschluss an das frisch
pulsierende Schaffen der Besten
und Ernstzunehmenden vollzogen
und zwar in glänzender Weise. Der
in dieser Zeitschrift schon kurz geschilderte
Neubau der Kunsthalle
mit seinen geschickt belichteten und
abwechselnd geschmackvoll getönten
Räumen forderte zu ausserge-
wöhnlichen Leistungen auf. Die
Jury, der von auswärtigen Mitgliedern
G. Kuehl, Hans Olde und Fritz
Mackensen angehörten, verfuhr mit
grosser Strenge. Aus den Tagesblättern
ist bereits bekannt, dass auch Paul
Meyerheim zu denen gehörte, die sich von der
so unerwartet wählerisch gewordenen Bremer
Ausstellungsleitung gekränkt fühlten. Seltsamerweise
nahm sich nämlich die Genossenschaft
der Mitglieder der Akademie der bildenden
Künste in Berlin seiner an, obwohl
die Zurückweisung seiner Bilder optimo iure
und mit allen üblichen Formen geschehen war;
der Briefwechsel, der sich um den Fall entwickelte
, entbehrte nicht der drolligen Komik,
zumal der gekränkte Akademiker, um zu seinem
vermeintlichen Rechte zu kommen, Mittel anwandte
, die unter Künstlern sonst kaum beliebt
werden. Typisch ist der Fall jedenfalls
für die Erregung unter denen, die früher Bremen
für einen guten Markt gangbarer Kunstware
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DES THRONES
MAX KLINGER
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