Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 5. Band.1902
Seite: 385
(PDF, 174 MB)
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KLINGERS BEETHOVEN IN DER WIENER SECESSION

Der Augenblick war erhebend als Klinger,
vor seinem Beethoven stehend, mit Thrä-
nen im Auge seinen Wiener Kollegen Dank
bot für die Ehrung, welche dieselben seinem
Werke*) hatten angedeihen lassen. Den Raum
überblickend, der in künstlerischer Einheit das
Wesen des grossen Skulpturwerks in würdigster
Gestaltung umgiebt, erfasste ihn die geistig
grosse Idee, welche das Ausstellungsgebäude
umgewandelt hatte in einen Tempel der Weihe.
Er erkannte seine Bekenntnisse, seine Lehren
wieder „von dem Gesamtwirken aller bildenden
Künste": was er als Programm litterarisch ausgesprochen
hatte,**) das sah er nun verwirklicht
durch den zusammenfassenden Ausdruck,
mit welchem die bildenden Künste eine philosophisch
-poetische Idee verklärt hatten.

Als Leitmotiv durchzieht das Thema des
Schlussgesanges der neunten Symphonie
„ Freude schöner Götterfunken " — den gesamten
dekorativen Schmuck. Alle Künste ordnen sich
dem Hauptaccent der Ausstellung, dem grossen
Gedächtnisbilde des Tonheroen unter — und
vereinen sich alle — zum Preise, zur Glorifi-
kation von dessen genialer Konzeption.
Klinger fühlte, und er gab diesem Gedanken
auch beredten Ausdruck, dass die geistige

*) Wir verweisen auch auf die grösseren Abbildungen, welche
das vor. Heft a. d. S. 370—373, gleich der hier gebotenen, nach
Photographien aus E. A. Seemann's Verlag in Leipzig, brachte.

**) Vergl. den auf S. 394 gegebenen Auszug aus des Künstlers
Schrift ,,Malerei und Zeichnung".

Durchdringung, die Erfassung aller leisesten
Andeutungen, die Erkenntnis des Gewollten
und von ihm Gefühlten — hier eine Ueber-
setzung erfahren hatte, welche ein Wunder
nachfühlender Feinfühligkeit sei - - und dass
alle mitwirkenden Künstler durch die Spannung
ihrer Erregsamkeit sich Aufgaben gestellt
hatten, die sie weit emporhoben über die sonstigen
Grenzen ihres Könnens und Wollens.

Ein stolzer Spruch Emersons über die
Selbstherrlichkeit künstlerischer Ausdrucksart
schmückt die einfache in Weiss und Gold gehaltene
Halle. An den hochgewölbten Mittelraum
schliesst sich von jeder Seite ein im
Niveau erhöhter länglicher schmaler Seitensaal
an. Diese Säle öffnen sich in grossen Bögen
gegen den Mittelbau: der Blick fällt frei und
ungehindert auf den ihn beherrschenden
Beethoven.

Einem Gotte gleich thront er auf Wolken;
sie sind aus dunkelrotem pyrenäischen Marmor
gebildet. In einem Thronsessel aus
ziselierter Bronze sitzend, strebt der kraftvolle
nackte Oberkörper hervor. Nach vorne
gebeugt, die Hände zu Fäusten geballt im
Schosse ruhend, ist der Ton-Heros gleichsam
in tiefstes Lauschen versunken. Die göttliche
Eingebung raunt ihm zu — geheimnisvolle abgrundtiefe
Weisen, die sein übermenschliches
Verstehen erfasst. Seinem inneren Sinn
offenbart sich die Tragik des menschlichen

Die Kunst für Alle XVII. 17. 1. Juni 1902.

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