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DER KUNSTVEREIN DER ZUKUNFT <^=^
ADOLF MÜNZER
DIE AMMEN
Aber nicht nur diesen thut eine Erziehung
zur Kunst not; auch die Mehrzahl der Erwachsenen
und Gebildeten bedarf derselben,
um nicht trotz aller Museen, Ausstellungen
und Vorträge vor jeder neuen Erscheinung
immer aufs neue ratlos zu stehen. Denn von
dem Besonderen, Einzelnen hat man wohl
jeweilig so mancherlei gehört, nicht aber feste,
allgemeine Gesichtspunkte erworben, die allein
erst die Grundlage einer wirklichen künstlerischen
Bildung geben könnten. Man hat
viel gesehen, gehört, gelesen, gelernt über
Kunst; künstlerisch gebildet ist man nicht.
Sollen wir nun diesen Zustand als etwas
Gegebenes ruhig hinnehmen, oder sollen wir
mit allen Kräften versuchen, weiter zu streben,
und sind nicht vielleicht gerade die Kunstvereine
die gegebenen Sammelpunkte für solche
Bestrebungen? Ich brauche nicht zu wiederholen
, dass ich das bisher Geleistete keineswegs
unterschätze; aber neue Zeiten bringen
neue Aufgaben, und was gestern noch gut
war, kann den Ansprüchen von heute nicht
mehr genügen. Wie unsere Museen nicht
bloss tote Stapelplätze aufgehäufter Kostbarkeiten
bilden dürfen, sollen sie ihre Aufgabe
im Kulturleben dauernd erfüllen, so müssen
auch unsere Kunstvereine über die blosse
Schaustellung und Einzelbelehrung hinaus
kräftig und selbstthätig in das geistige Leben
der Gegenwart eingreifen, sie müssen sich
zu Trägern der grossen neuen Ideen und
Aufgaben machen, die heute gebieterisch an
uns herantreten, wollen sie nicht selbst den
Zusammenhang mit dem Leben verlieren und
langsam der Stagnation verfallen. Was wir
also von den deutschen Kunstvereinen, wie
von den Museen, fordern, ist nicht die Bevorzugung
des „Modernen" oder irgend einer
bestimmten Kunstrichtung, sondern ein bewußtes
, und planmässiges Mitarbeiten an der
grossen Aufgabe der künstlerischen Erziehung
unseres Volkes, zunächst im Kreise der eigenen
Mitglieder, dann aber auch in freier selbstloser
Thätigkeit weit darüber hinaus. —
Das sind nicht leere Redensarten, sondern
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