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«a^> DER KUNSTVEREIN DER ZUKUNFT <^=^
greifbare Vorschläge, und mit kurzen Worten
sei auch ungefähr der Weg angedeutet, der
uns weiter bringen kann, wenngleich die Durchführung
im einzelnen je nach der Eigenart
des Ortes und der leitenden Persönlichkeit
sehr verschieden sein wird. Selbstredend soll
nun nicht mit allem Bisherigen gebrochen
werden; nach wie vor werden die bunt zusammengewürfelten
Ausstellungen, die Vorträge
über beliebig herausgegriffene anregende
Einzelthemata durchaus nicht zu entbehren
sein. Nebenher aber müsste, in klarer und
grosszügiger Initiative, eine zweite Reihe
von Ausstellungen und Vorträgen gehen, die
systematisch in die Grundlagen künstlerischer
Bildung einführten und die wichtigsten künstlerischen
Probleme der Vergangenheit und
Gegenwart zusammenhängend behandelten.
Gewiss ist das eine sehr schwere und mühsame
Aufgabe, die überhaupt nur von ausgesprochenen
, ganz von der Sache durchdrungenen
Persönlichkeiten gelöstwerdenkann.
Doch zeigen mancherlei erfreuliche Ansätze,
dass dieser Weg zum Ziele führen kann und
wird, wenn es auch vorläufig in der Mehrzahl
noch kunstgewerbliche Vereine und Museen
sind, die ihn, dank ihrer naturgemäss mehr
auf das praktische Leben gerichteten Thätig-
keit, eingeschlagen haben. Aber so gut man
dort zunächst einmal die allgemeinsten Lehren
einer gesunden kunstgewerblichen Stilentwick-
lunghört, könnte man in unseren Kunstvereinen
vorerst über die Grundlagen des künstlerischen
Schaffens und Geniessens belehrt werden, über
das rechte Betrachten von Natur und Kunst,
über farbige und formale Probleme aller Art,
wovon ja auch der Gebildete zumeist nur sehr
unklare Vorstellungen hat. Und so gut man
in kunstgewerblichen Museen die Ausstellungen
nach bestimmten technischen oder künstlerischen
Gesichtspunkten gruppenweise zu-
sammenfasst und damit die eindringlichsten
Wirkungen erzielt, könnte man auch die Ausstellungen
unserer Kunstvereine gelegentlich
nach vergleichenden und systematischen Grundsätzen
zusammenstellen, um daran, in Verbindung
mit entsprechenden Führungen oder
Vorträgen, eine bestimmte künstlerische Frage
überzeugend zu klären. Wenn die Kunstgewerbevereine
ihre keramischen, textilen,
buchgewerblichen Sonderausstellungen haben,
an denen jeweilig ein fest umgrenztes Gebiet
erschöpfend und anregend zur Anschauung
gebracht wird, so können die Kunstvereine
hieraus nur lernen, wie sie ihrerseits vorzugehen
haben. Oder ist es vielleicht überflüssig,
einmal die Ausbildung des Lichtproblems in
der modernen Landschaft, oder die Geschichte
und Technik des Aquarells, oder etwa die
Entwicklung des Reliefstils zusammenhängend
vor Augen zu führen und die rein künstlerischen
Lehren daraus zu ziehen? Natürlich
sind dies beliebige, rein zufällig herangezogene
Beispiele, die leicht zu vermehren wären, und
denen die lebendige Fortentwicklung der Kunst
fast täglich neue wichtige Themata zufügen
könnte. Mir kam es nur darauf an, zu zeigen,
wie ich mir die Sache grundsätzlich denke:
neben den bisherigen Ausstellungen und Einzelvorträgen
in sich geschlossene, vergleichende
Gruppenausstellungen, die ein bestimmtes
Gebiet künstlerischen Lebens instruktiv und
übersichtlich behandeln und durch Vorträge
und Führungen der Allgemeinheit näher gebracht
werden; ferner Vortragscyklen oder
Kurse zur Einführung in das Verständnis
des Wesens der Kunst überhaupt und eine
systematische Anleitung zum Betrachten von
Kunstwerken, sei es in den wechselnden Ausstellungen
des Vereins oder im Anschluss an
eine ständige Kunstsammlung. Inwieweit sich
hieran etwa noch freie Diskussionen, freiwillige
Zeichenkurse und ähnliches schliessen könnten,
muss ganz den örtlichen Verhältnissen überlassen
bleiben. Nur auf solchem Wege aber
kann an Stelle des bisherigen zerstückelten
Einzelwissens in künstlerischen Dingen und
der dilettantischen blossen Liebäugelei mit der
Kunst eine wirkliche künstlerische Bildung erwachsen
, und nur auf dieser Basis kann einst
der „Kunstverein der Zukunft" erstehen: eine
Gemeinschaft aller wirklichen Kunstfreunde
eines Ortes, bei aller Verschiedenheit des
individuellen Geschmackes geeint durch den
Ernst der Auffassung in künstlerischen Dingen,
und von klaren, weitblickenden Grundsätzen
geleitet; stets an der eigenen inneren Weiterbildung
arbeitend, nach aussen aber selbstlos
anregend und alle künstlerischen Bestrebungen
fördernd; thatkräftig mitwirkend an der praktischen
Nutzbarmachung unserer Museen zur
künstlerischen Bildung des Volkes und an der
künstlerischen Erziehung derjugend; ein künstlerisches
Gewissen der Stadt endlich, stets
auf dem Plan, wenn es gilt, der Kunst zum
Siege über die Unkultur zu verhelfen — kurz,
ein unerreichbares Ideal, höre ich sagen.
Vorläufig gewiss! Der Gedanke einer plan-
mässigen Kunsterziehung ist noch viel zu neu,
um allerwärts schon Wurzel geschlagen zu
haben, und sicher werden viele Kunstvereins-
Vorstände, wie es in einer bekannten „grossen
Seestadt" bereits geschehen ist, den Gedanken
an eine künstlerische Erziehung ihrer Mitglieder
als nicht in die Aufgaben ihres Vereines
fallend betrachten, und alle derartigen Be-
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