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WILHELM VOLZ <ö^-
WILHELM VOLZ
HOCHZEITSZUG
trennte Welten wie ein hoher, leuchtender
und tönender Aether umspannt und verbindet:
Die Musik.
Eine Schutzpatronin hat sich der protestantische
Künstler aus den Heerscharen des
katholischen Himmels erkoren: die hl. Cacilia.
Immer wieder hat es seine bildende Phantasie
zu dieser lieblichsten aller „angelischen Gestalten
" hingezogen, und seine Cäcilien-Bilder
gehören zu jenen, die durch die wiederholte
Behandlung des gleichen Stoffes den Weg
seiner Entwicklung so deutlich markieren. Da
ist der „Traum der hl. Cacilia" aus dem Jahre
1890 (Abb. s. S. 415). In einer deutschen Landschaft
sitzt da die Heilige, eine zarte Mädchengestalt
, eingeschlafen unter dem blühenden
Fliederbusch an der Hauswand, die nach der
einen Seite den Blick in frühlingsgrünes Gelände
freilässt. Die Handorgel liegt, halb herabgleitend
, auf dem Schoss der Schlafenden, die
zurückgeneigten Hauptes mit schmerzlich-
süssem Lächeln dem in ihrer Seele fortklingenden
Lobgesang weiter zu lauschen scheint.
Der Traum aber verkörpert ihr die Musik
der Seele in eine Schar kleiner Engel, echt
deutsche, lieblich derbe Kinder, denen die
bunten Flügelchen drollig zu den pausbäckigen
Gesichtern und den hemdartigen Kleidchen
stehen. Aber mit rührendem Eifer geigen
und flöten, harfen und singen die himmlischen
Musikanten, damit ja das fromme schöne Mädchen
, das bald als Heilige oben bei ihnen einziehensoll
, recht lieblich träume. — Echt deutsch
in Auffassung und Stimmung zeigt das Bild in
der farbigen Behandlung und in der ganzen
Malerei doch unverkennbar den Einfluss der
Pariser Studienjahre; ähnlich wie die zwei
Jahre vorher entstandene Madonna im Grünen
(Abb. V. Jahrg., H. 4). Die koloristische Gesamtwirkung
ist etwas kühl, noch ohne rechte
Farbenfreudigkeit, aber sie zeugt von jenem
unermüdlichen, gewissenhaften Naturstudium,
das für die fortschrittliche Bewegung der
Kunst in den achtziger Jahren charakteristisch
ist und dessen heilsame Früchte auch denen
nicht verloren gegangen sind, die sich, wie
eben auch Volz, später wieder mehr einem
subjektiv energischen Kolorismus und freiem
Walten der Phantasie zugewandt haben. Dies
spätere Stadium bezeichnete z. B. die hl.
Cäcilia von 1893 (Abb. IX. Jahrg., H. 19),
die in leuchtendrotem Gewand unter einer
offenen Säulenhalle an der Orgel sitzt, die im
Profil gesehene Gestalt sich von einer reichen
italienischen Landschaft und vom glühenden
Abendhimmel abhebend, begleitet von einem
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