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ganzen Orchester weissgekleideter Engel, deren
grosse weisse Fittige man im Klingen der
Instrumente leise mitrauschen zu hören meint.
Und wieder ein paar Jahre später malte Volz
in einem kleinen Bilde die Heilige, Violoncell
spielend, im Schatten deutscherBäume,während
die Wiese hinter ihr fröhlich im Sonnenschein
leuchtet, ein gemaltes Volkslied, gemalt mit
einer gesunden Freude an der Kraft der
Farbe selbst.
Und wie die hl. Cäcilia, so hat er auch
sozusagen die „Musik an sich", als sinnendes
Mädchen oder stattliche liebenswürdige
Frau personifiziert, wieder und wieder behandelt
, von jener Mandolinenspielerin aus den
achtziger Jahren bis zu der „Frau Musika" 1899
(Abb. XIV. Jahrg., H. 21), die auf ihr Violoncell
gelehnt sich von einem nackten Knaben seine
Lektion vorspielen lässt, mit gütigem Lächeln
seinem jungen Eifer lauschend. Einmal thront
sie auf einem in Fliesenmalerei ausgeführten
Fries, gleichsam als Kapellmeisterin zwischen
mehreren anderen musizierenden Idealgestalten
(s. Abb. S. 421). Auch die Musen,
die er in einem seiner umfangreichsten Bilder
1894 gemalt, sind ihm die Göttinnen einer
freudigen Weltauffassung, der sich das Leben,
aus innerlichster Beseelung erklingend, in
Harmonie und Melodie offenbart; singend, in
heiter-ernstem Reigen schreiten die hohen
Frauengestalten in schöner südlicher Landschaft
dahin. Die kleine Farbenskizze zu
diesem monumental empfundenen Werke, die
er im Jahr vor seinem Tod mit anderen
höchst interessanten ersten Skizzen und Entwürfen
zusammen ausstellte, bewies, wie echt
künstlerisch Volz seine Ideen concipierte, wie
nicht der abstrakte gedankliche Inhalt, sondern
die malerische Vision das Bestimmende in
seinem Schaffen war. Und wenn in seinen
Bildern so viel musiziert und gesungen wird,
so sind sie darin nur ein Abbild seiner Seele,
in der die plastischen Gestalten seiner Phantasie
die Atmosphäre starken musikalischen
Empfindens umfloss. Hat doch Volz selbstnicht
nur komponiert, sondern eine grössere Komposition
, das Singspiel „Mopsus", auch veröffentlicht
und, indem er das Titelblatt und die einzelnen
musikalischen Nummern durch Kopf- und
Schlusstücke, welche die einfache, derb-fröhliche
Handlung veranschaulichen, illustrativ
schmückte, ein originelles und reizvolles Werk
des Buchschmuckes geschaffen. Jede solche
mit Bildschmuck versehene Seite des „Mopsus"
ist ein schön abgewogenes, stilvolles Ganzes,
und die Figuren selbst, diese dicken alten
Faune, die fast mehr Bier- als Weinbäuchlein
zu schleppen scheinen, die Faunenjungen
in ihrer lustigen Gassenbuben-Art, die frischen,
bei aller jugendlichen Schlankheit derbglied-
rigen Nymphen verkörpern eine so persönlichunbefangene
, selbständige Umschöpfung der
antik-idealen Hirten- und Flurgötter-Welt,
dass es schwer fällt, zu glauben, sie sei am
Ende des litterarisch verbildeten, historisch
skrupulösen neunzehnten Jahrhunderts entstanden
. (S. d. Proben a. S. 418—420.)
Wird unserer bildenden Kunst Freiheit und
Möglichkeit zu gesunder Weiterentwicklung
gegeben, so wird sich vielleicht zeigen, dass
viel mehr dekorative, im höchsten Sinn raumschmückende
Begabung in den deutschen
Künstlern steckt, als man gemeinhin anzunehmen
geneigt ist; dass aber auch echte
dekorative Begabung des Einzelnen weit vielseitiger
ist, als sie sich heute dokumentieren
kann, wo dem Talent die Wandflächen, die es
schmücken möchte, meist versagt bleiben.
Wer eine Buchseite so als dekoratives Ganzes
zu gestalten weiss, wie der Zeichner-Komponist
des „Mopsus" (der übrigens auch sonst
prächtige Zierleisten, fein ersonnene Exlibris,
lustige Zeichnungen für Tischkarten u. s. w.
geschaffen hat), der wird auch mit einer
Kirchenwand oder -Kuppel etwas Ordentliches
anzufangen wissen. Und so hat Volz, wo
sich ihm eine dekorative Aufgabe bot, sie
frisch und freudig ergriffen und erfolgreich
durchgeführt. Von dem „Musik"-Fries in
Fliesenmalerei ist oben schon die Rede gewesen
. Für Mosaik-Ausführung hat er mit
feinem Stilgefühl und siegreicher Farbenfreude
das Giebelfeld über der Schwabinger Ursula-
Kirche und als Kaminschmuck für Walter
Siegfrieds Villa in Partenkirchen ein Halbrund
mit Adam und Eva, eben mit dem Sündenfall
beschäftigt, entworfen (s. S. 432). Mit
dem Fresko des einem armen Siechen Trost
und Labe spendenden Engels hat er die eine
Aussenwand der Chirurgischen Klinik zu
München geschmückt (Abb. XIV. Jahrg.,
S. 174 u. 175): kein umfangreiches Werk, aber
als „Farbenfleck" auf der Fassade trefflich
wirkend und voll rührender Innerlichkeit des
Ausdrucks. Es ist bezeichnend für das Kunstverständnis
der Leute, die heutzutage in
unseren städtischen Gemeinwesen die Schicksale
kommunaler Kunstpflege bestimmen, dass
gerade dies schlichte und innige Werk an jenen
Stellen die grösste Anfeindung erfuhr und dass
das Misstrauen, das es dem Künstler einbrachte,
wesentlich dazu beitrug (auch dass Volz Protestant
war, soll mitgesprochen haben!), dass
die herrlichen Entwürfe des Künstlers für die
Ausmalung der Kuppel in der Halle des östlichen
Münchner Friedhofs (s. S. 426 u. 427)
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