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WILHELM VOLZ -C^ä=^
Gesang der Musen, daran erinnernd, was die
Musik für seine Seele und sein Schaffen war,
die beiden Flügelbilder verkörpern die himmlisch
-heitere Weltfrömmigkeit und die Sehnsucht
nach oben; im Hauptbild eint sich
Antike und Christentum zu einem verklärten
Ganzen, und die ausgelassenen Putten, die
um die, auch im Himmel noch häuslich geschäftige
Martha herumspielen, lassen uns
noch einmal daran denken, welch grosse Rolle
die Kinder in Volzens gemalter Welt spielen,
ob sie nun als altkluge italienische bimbe in
Aracoeli die Weihnachtspredigt halten (s. S.410)
oder als geflügelte Amoretten auf einer Frühlingswiese
Blumen suchen (s. S. 412) und ein
Brautpaar zum neuen Heim geleiten (s. S. 413),
ob sie als Satyrkinder bei den alten Faunen
Musikstunde haben (s. S. 416) oder als weinende
Englein den Leichnam Christi in der
Gruft erwarten (s.S. 417).
Dass Wilhelm Volz aus der thätigsten und
reifsten Arbeit abgerufen wurde und vieles
unvollendet zurücklassen, noch mehr unbe-
gonnen mit ins Grab nehmen musste, bleibt
ein beklagenswerter Verlust für die deutsche
Kunst; aber Hohes hat er doch erreicht und
sein Leben liegt nicht als Stückwerk vor
uns: er hat in ernster, nie rastender Arbeit
eine kleine Welt von Werken geschaffen, die
ganz das Gepräge seines Geistes trägt, ganz
von dem Reichtum seines reinen, heiteren
und tiefen Gemüts erfüllt ist.
LESEFRÜCHTE
Das müsste eine schlechte Kunst sein, die sich auf
einmal fassen Hesse, deren Letztes von demjenigen
gleich geschaut werden könnte, der zuerst hereintritt.
Goethe „Wilhelm Meister".
*
Wenn Sie wüssten, wie roh selbst gebildete
Menschen sich gegen die schätzbarsten Kunstwerke
verhalten, Sie würden mir verzeihen, wenn ich die
meinigen nicht unter die Menge bringen mag. Niemand
weiss eine Medaille am Rand anzufassen; sie
betasten das schöne Gepräge, den reinsten Grund,
lassen die köstlichsten Stücke zwischen dem Daumen
und Zeigefinger hin- und hergehen, als wenn man
Kunstformen auf diese Weise prüfte. Ohne daran
zu denken, dass man ein grosses Blatt mit zwei
Händen anfassen müsse, greifen sie mit einer Hand
nach einem unschätzbaren Kupferstich, einer unersetzlichen
Zeichnung, wie ein anmasslicher Politiker
eine Zeitung fasst und durch das Zerknittern des
Papiers schon im voraus sein Urteil über die Weltbegebenheiten
zu erkennen giebt. Niemand denkt
daran, dass wenn nur zwanzig Menschen mit einem
Kunstwerke hintereinander ebenso verfahren, der
einundzwanzigste nicht mehr viel daran zu sehen
hätte. Goethe „Die Wahlverwandtschaften".
\V. VOLZ del.
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