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<^£sd> BERLINER SECESSION *C^=^
bilder") produzieren kann, hat Anspruch auf
höchste Beachtung. Zu den Glanzstücken
unter den ausländischen Bildern gehören ferner
Monet's „Frühstück" (Abb. s.S.448) mit den etwas
steifen Figuren, aber dem dafür desto reizvolleren
Stilleben auf dem gedeckten Tisch, an
dem eben ein Baby gefüttert wird; Blanche's
Stilleben „Fisch in Gelee" und sein stark an
Kalckreuth erinnernder „Regenbogen" mit den
vier Kindern auf freiem Felde. Ganz kostbar
in seiner eigenartigen Herbheit ist das Bildnis
einer „Dame in Blau" von dem Russen
Somoff (Abb. s. S. 457). Man kann sich dem
geheimnisvollen Zauber der Mischung von
Sinnlichkeit und Melancholie im Gesicht der
Schönen unmöglich entziehen. Breitner,
wohl der interessanteste Maler unter den
jüngeren Holländern, lässt drei seiner besten
Schöpfungen, darunter die herrliche „Ansicht
von Amsterdam" und den „Schiffszimmerplatz"
sehen. Ein älteres Damenbildnis von Sargent
fesselt durch geschmackvolle Toilettenmalerei.
Zorn, der durch mehrere Arbeiten vertreten
ist, giebt nur in dem lebensgrossen Porträt
einer Dame in Strassenkostüm einen zureichenden
Beweis seiner künstlerischen Kraft. Der
AUGUST KRAUS SANDALENBINDERIN
Ausstellung der Berliner Secession
junge Israels hat sehr amüsante Bilder vom
Strande, Lucien Simon ein tonschönes Stillleben
, die in Paris lebende Maria Slavona das
vorzügliche Bildnis eines Mädchens mit einer
Katze neben sich (Abb. s. S. 450) und Grosvenor
Thomas eine wundervolle Landschaft hier.
Enttäuschung bereitetseinen Freunden Ignacio
Zuloaga mit einem riesigen Bilde, das eine
Gruppe von geputzten Spanierinnen mit Hunden
, einer Reiterin und einem Mohrenknaben
vor einer von Menschen belebten Landschaft
zeigt (Abb. s. S. 459). Eine etwas unangenehme
Dekorationsmalerei, die Bedenken erregen
muss, weil in ihr alle Tugenden des hervorragenden
Künstlers untergegangen scheinen.
Künstlervereinigungen interessieren die
Oeffentlichkeit in der gegenwärtigen Zeit ganz
allein durch das, was sie in Ausstellungen
leisten. Je besser diese, umso lebhafter die
Teilnahme des Publikums. Nächst der Wiener
Secession hat wohl die Berliner die Situation
nach dieser Seite hin am richtigsten erfasst.
Indem sie, unbekümmert um die persönlichen
Vorteile ihrer einzelnen Mitglieder, das Niveau
ihrer Vorführungen von Jahr zu Jahr zu heben
suchte, hat sie nicht allein der Kunst genützt,
sondern ist auch zu einem wichtigen Faktor
im Berliner Kunstleben geworden. Es steht,
dank ihrer Bemühungen! wesentlich besser
um die Berliner Kunst, als noch vor fünf
Jahren. Sie hat den Austritt von achtzehn Mitgliedern
, der von diesen zu einer Staatsangelegenheit
aufgebauscht wurde, ohne Schwierigkeiten
überstanden. Man vermisst die Fehlenden
nicht. Die Ausstellung ist gehaltvoller
denn je. Alle Angriffe auf die Secession,
alle Beschimpfungen derer, die ihren Bestrebungen
wohlwollend gegenüberstehen, alle
ungnädigen Bemerkungen über die nur in
der Einbildung existierende „secessionistische
Kunst" können diese Thatsache nicht auslöschen
. Dass sie vielen unbequem, dass
man an gewissen Stellen bemüht ist, ihre
Wirkung auf die öffentliche Meinung abzuschwächen
, wird keinen ehrlichen Freund der
Kunst hindern, die Ansicht zu vertreten, dass
diese jüngste Ausstellung der Berliner Secession
zu den besten gehört, die man in
Deutschland gesehen. Und noch eins: Diese
Ausstellung ist wieder einmal rechtschaffen
secessionistisch, weil sie den Willen zu neuen
Zielen erkennen, weil sie den Glauben an
eine Aufwärtsbewegung in der deutschen
Kunst wieder einmal aufleben lässt. Die
Berliner Secession hat in diesem Jahre aufgehört
, eine Künstlervereinigung von nur
lokaler Bedeutung zu sein.
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