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~^3> ZUM THEMA „KOMBINATIONSDRUCKE" <2£^~
gegriffen werden, oder ex nihilo entstehen. Ist
alles Neue doch stets nur das fortentwickelte Alte,
und heisst Neues schaffen doch wohl nichts anderes,
als Altes unter neuen Gesichtspunkten betrachten,
alte Elemente zu einander in neue Beziehungen
bringen, heisst kurz gesagt: Kombinieren. Die
moderne Litteratur bietet für diese Anschauung eine
Menge treffender Beispiele. Sie »zerfällt« nicht mehr,
wie es die geistlose Rubriziersucht gelehrter Diur-
nisten von den früheren Litteraturen behauptet, in
Epik, Lyrik, Didaktik etc., sondern jedes technische
Mittel innerhalb eines und desselben Werkes ist
ihr willkommen. Sie will beeindrucken, suggerieren,
ins Leben wirken und sie fragt nicht darnach, in
welche Haupt- und Unterabteilungen sie von einer
späteren Litteraturforschung mag eingeschachtelt
werden.
Ist es notwendig oder vernünftig, darüber zu
jammern, dass für alte, unzeitgemässe Kunstformen
die letzte Stunde geschlagen hat? Sie sind zu alt,
zu brüchig, um in sich aufzunehmen, was durch sie
ans Licht will: Die neue Kunst einer neuen Zeit.
Die Kunst einer Zeit, die ihre Schienenstränge durch
Wüsten legt, Ozeane miteinander verbindet, ihre
hastig-funkelnden Telephondrähte ausspannt über
einem Verkehr, einem Leben, dessen gelle Stimme
selbst Schwerhörige als den Kampfruf eines neuen
Gedankens erkennen müssen.
So wenig man neue Maschinen dadurch erfindet,
dass man die bereits vorhandenen gründlich kennt
und nach ihren verschiedenen Arten säuberlich zu
klassifizieren vermag, genau so wenig schafft man
neue künstlerische Ausdrucksformen, die uns so
dringend notthun, dadurch, dass man in die hergebrachten
Formen mit Gewalt einen Geist zu pressen
sucht, für den diese Gefässe nun und nimmer stark
genug sind.
Dergleichen Prokrustesthaten haben so viele
moderne Bücher und Bilder stillos gemacht, denn
Form und Inhalt decken sich nur bei solchen Kunstwerken
, deren Geist sich seine Form selbst erschaffen
.
Auch zur Graphik führte den bildenden Künstler
nur sein moderner Instinkt. Sie giebt ihm bereitwillig
alles, was ihm die Oelmalerei und in noch
höherem Masse die Plastik verweigerten. Sie zwingt
ihn zu einer höchst fruchtbaren Konzentration, führt
ihn auf Grund ihrer technischen Eigenart zu einer
präzisen, epigrammatisch - scharfen Formulierung
seines künstlerischen Gedankens. Ihre nahen Beziehungen
zur modernen Industrie (Plakat etc.), die
unbegrenzte Reproduktionsfähigkeit, die sie gestattet,
geben dem Künstler die Möglichkeit, zu wirken,
entreissen ihn der sterilen Vereinsamung, in der
er sich, ohne moderne Ausdrucksmittel, in unserer
Zeit der Elektrizität und der sozialen Probleme nur
wie ein tragikomischer Anachronismus empfinden
könnte.
Seien wir daher der jungen graphischen Bewegung
dankbar, anstatt ihren tastenden Versuchen von vorn
herein mit Misstrauen zu begegnen. Nicht um eine
kleine technische Meinungsverschiedenheit handelt
es sich, sondern um eine bedeutungsvolle Kulturfrage
: Die Graphik zeigt uns die Wege, auf denen
• Geist und Leben nach langer Trennung einander
wieder nahen können. Stören wir also unsere
Graphiker nicht in Bestrebungen, die darauf abzielen,
ihrer Kunst neue Ausdrucksmittel und damit neue
Kraft zuzuführen. Kombinierte graphische Verfahren
mögen Stümper und Dilettanten zu geschmacklosen
Ausschreitungen veranlassen, sie mögen ferner, wie
auch Fräulein Plehn sehr richtig erkannt hat, den
technischen Virtuosen weiter nichts sein, als eine willkommene
Gelegenheit, vor einem erstaunten Publikum
die Taschenspielerstückchen ihrer geistlosen
und künstlerisch-unfähigen Routiniertheit glänzen zu
lassen. Doch dieser Uebelstand war von je Begleiterscheinung
jeder aufwärts gerichteten Kunstentwicklung
. Man sollte aber bedenken, dass zur
Ablehnung eines neuen künstlerischen Prinzips
keineswegs die Thatsache genügt, dass dasselbe vom
dilettierenden Snob und vom technischen Faiseur
missbraucht wird.
Bei der Bewertung jeder neuen Methode künstlerischen
Schaffens hat man sich vor allem die
Frage vorzulegen: »Was kann sie in der Hand des
Meisters leisten?«
Vom Meister, — und nur mit seinen Leistungen
hat die Kunstbetrachtung zu rechnen, nicht mit
denen des Schülers oder des Stümpers vom
vollwertigen Könner ist anzunehmen, dass er in
jeder der ihm zu Gebote stehenden Techniken das
Vollkommenste zu leisten im stände ist. Treten
an ihn nun Aufgaben heran, die sich besser durch
eine Kombination mehrerer technischer Verfahren,
als in einer einzigen Technik bewältigen lassen, die
dazu ihre äusserste Ausdrucksfähigkeit aufbieten
müsste, so besteht nicht der geringste Anlass, den
Könner beirren zu wollen. Im Gegenteil, die Verwendung
kombinierter Techniken scheint uns ein
vortreffliches Schutzmittel gegen die Gefahr des
Manierismus, wie er bereits in gewissen Richtungen
der modernen Radierkunst so deutlich zu Tage tritt.
Wir geben Fräulein Plehn und ihren Ausführungen
Recht, sobald sie uns an den Werken irgend eines
modernen Graphikers, den sie als vollwertigen
Künstler anerkennt, nachzuweisen vermag, dass
diese Werke, soweit sie ihre Entstehung kombinierten
Techniken verdanken, mittelst einer einzigen Technik
vollkommener hätten gegeben werden können.
Wir glauben, dieser Nachweis dürfte schwer zu
erbringen sein, denn unsere Bahnbrecher auf dem
Gebiete der modernen Graphik wissen genau was
sie wollen und würden der noch ziemlich in ihren
Anfängen ruhenden Sache der Kombinationsdrucke
kaum ihre Kraft und Zeit opfern, wenn sie sich
von ihr nicht mehr zu versprechen hätten, als eine
Biosstellung ihres technischen Unvermögens.
Für Mittel und Wege, die zum Ziele rühren, hat
der Künstler sehr feine Organe. Man lasse ihn
gewähren.
Man hat hoffentlich den Eindruck gewonnen,
dass uns diese Entgegnung auf einen Aufsatz, dem
wir für die uns gewordene Anregung dankbar sind,
von einem idealeren Agens diktiert wurde, als von
jenem sterilen Widerspruchsgeiste, der sich in leider
nur zu vielen der heutigen Kunstdebatten äussert.
Die auf dem Gebiete der Kunstbetrachtung heute
herrschende Begriffsverwirrung soll nicht gesteigert,
sondern gemindert werden. Darum unterlassen wir
mit Absicht ein näheres Eingehen auf vieles, was
uns in dem beregten Aufsatze als falsch und irreführend
erscheint.
Der Leserkreis der»Kunst für Alle« und der»Kunst«
zählt mit zu dem Publikum, aus dessen Händen der
moderne Künstler seine Zukunft, die Anerkennung,
den Lohn seines harten und mühevollen Ringens empfangen
wird. In diesen Kreisen sollte kein Misstrauen
gesät werden, hier sollten am allerwenigsten
reaktionäre Anschauungen zu Wort kommen, auch
wenn sie noch so ehrlich gemeint sind.
München Ernst Neumann u. Hermann Esswein
Die Kunst für Alle XVII.
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