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-sr4^> DIE KARLSRUHER KUNSTAUSSTELLUNG <ö^=
interessanter gewesen, als in seinem jetzigen,
mehr abgeklärten Geschmack. Christian
Speyer „Die heiligen drei Könige" (Abb. s.
S. 477), der feine Schlachtepisodenschilderer
Robert Haug und der excellente „Bachmaler
" Reiniger sind uns bekannte Potenzen
auf dem Gebiete echter Kunst.
Karlsruhe ist im Grunde genommen eine
Landschafterschule und der grosse, ganz
einsam darin dastehende Historien- und
Porträtmaler Anselm Feuerbach bestätigt
diese Annahme. Es hat auf diesem enger
begrenzten Gebiete seit Lessing, Schirmer
und Baisch gewiss Hervorragendes für die
deutsche Landschafts-Kunst geleistet. Hatte
es bisher hier nur einen eminenten Führer in
Schönleber (Abb. s. S. 470), so besitzt es jetzt
deren zwei, indem der neu hierherberufene,
neben Max Klinger wohl grösste deutsche Meister
, Hans Thoma, auch ganz hervorragenden
ALFRED STEVENS DIE JAPANISCHE MASKE
Karlsruher Jubiläiims-Kunstaustelliing
Einfluss nach dieser Seite hin gewinnt. Ja, es
ist eine gewisse, deutlich sichtbare Verschmelzung
zwischen diesen beiden Hauptmeistern
der Landschaft und ihren Schulen zu bemerken
und wer aufmerksamer hinschaut, wird
unschwer erraten, wer der Gebende und wer
der Empfangende ist. Schönleber folgt der
Natur mehr als ein liebevoller, treuer Beobachter
und seine köstlichen Werke atmen daher
eine stete Hingabe an dieselbe aus, bei Thoma,
dem Unvergleichlichen, ist zwar die Landschaft
nur ein Segment in dem unerschöpflichen
Allkreis seiner reichbegnadeten künstlerischen
Thätigkqit, aber er weiss in dieselbe die urdeutsche
Poesie, die sein ganzes Wesen so
liebevoll umkleidet, voll und ganz hineinzulegen
. Aeusserlich wird ihre dominierende
Stellung in der Karlsruher Schule dadurch genügend
gekennzeichnet, dass ihnen, wie auch
dem bekannten Koloristen und genialen Freskomaler
Ferdinand Keller, eigene
Kabinette in der Ausstellung
die, was besonders Hans Thoma
betrifft, unstreitig zum schönsten
des Ganzen gehören eingeräumt
wurden. Mit diesen Koryphäen
ist aber die künstlerische
Auffassungsmöglichkeit der landschaftlichen
Natur gegenüber in
Karlsruhe noch lange nicht erschöpft
, denn Hans von Volkmann
(Abb. s. S. 466), Albert
Lang, Lugo, Kampmann, Biese,
Kallmorgen, Nagel, H. Daur,
M. Frey, M.Wielandt, DesCou-
dres, Friedr. Fehr, Kanoldt,
Hörter, von Ravenstein und
noch viele andere, wandeln jeder
eigene Wege, von dem Grossmeister
Dill, der mehr als alle
Genannten mit feinster künstlerischer
Sensibilität die geheimsten
Regungen der Natur in sich
aufzunehmen und wiederzugeben
versteht, gar nicht zu reden. Anerkannt
glänzende Meister des
Porträts sind Caspar Ritter und
Propheter, von denen dererstere
immer noch neue Beleuchtungsprobleme
zu lösen versucht, während
der andere in der Wahrheit
und Treue der Dargestellten seine
künstlerische Befriedigung und
Begrenzung findet.
Auf dem Gebiete der Plastik
ist die Karlsruher Ausstellung
nicht so reichhaltig ausgefallen
wie auf dem der Malerei, und da
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