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-a-s^> MÜNCHENER SECESSION: SOMMER-AUSSTELLUNG -C^ä=^
Stirn ablesen zu können, ob es
Dauer haben werde oder nicht,
und von den Strömungen, die vielverschlungen
, einander kreuzend
und sich vermischend an ihm
vorüberziehn, voraussagen zu dürfen
, welche zum breiten, schiffetragenden
Strom werden, welche
im Sand verlaufen wird. Gewiss,
es giebt solche Begnadete, die all
das mit Recht von sich glauben;
aber ob nicht auch sie ein Recht
haben, in die Kassandra-Klage einzustimmen
:
Zukunft hast du mir gegeben,
Doch du nahmst den Augenblick?
und ob nicht auch die Mitwelt ein
gewisses Recht hat, gegen solche
unbequeme Zeitgenossen sich aufzulehnen
, von denen ihre Leistungen
nicht an ihrem eigenen Mass,
sondern an dem Mass der Zukunft
gemessen werden? Endlich aber, wie tragisch
ist das Los dieser Erkennenden! müssen sie
sich doch, bei der klaren Einsicht in das Werden
und Wesen künstlerischen Schaffens, ohne
die jene Erkenntnis unmöglich wäre, sagen,
dass ihr Wort eine Entwicklung nicht aufzuhalten
und nicht zu fördern vermag —1
sintemalen der Mensch bisher wohl das
RUDOLF RIEMERSCHMID
WALDSCHLOSS
LUDWIG VON ZUMBUSCH DIE GÄRTNERINNEN
Sommer-Ausstellung der Münchener Secession
Sommer-Ausstellung der Münchener Secession
Barometer, aber nicht das Wettermachen
erfunden hat und der Einzelne eine Zeitstimmung
(deren Ausdruck ja immer die
Kunst ist) so wenig machen kann er
sei denn selbst ein Schaffender — wie die
Witterung der nächsten Stunde. Wer erfreute
sich noch des eignen naiven Drauflosredens
, der in die Tiefen des Determinismus
geblickt hat? Und Deterministen sind
wir heutzutage ja schliesslich alle.
Dergleichen bedachte ich, als ich
die Freitreppe zum Hause der Secession
hinaufstieg (sie ist ja hoch genug
, dass die Gedanken ein paar
Kilometer laufen können, während
die Füsse die Stufen erklimmen), und
so kam es, dass ich an der Garderobe
mit meinem Regenschirm — denn es
war im Juni 1902 — auch mein historisch
-kritisches Selbstbewusstsein abgab
. Letzteres freilich bedauerte ich
als schwankender Charakter sehr bald
wieder. Denn nun fehlte mir jede
Fähigkeit und Kompetenz, zu beurteilen
, ob diese Ausstellung ein neuer
Zug in der von unbarmherzigen Kunst-
Aerzten behaupteten facies hippocra-
tica der Münchner Kunst oder ein nie
dagewesenesEreignisinunserm Kunstleben
sei; ob sich München mit all
seinen Talenten begraben lassen könne
oder noch auf viele Jahre frischen
Gedeihens rechnen dürfe; ob in der
Münchner Kunst wirklich von Natur
keine Spur mehr sich finde oder man
hier auf dem einzig richtigen Wege
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